Konzerthaus – Porträts – Michel Camilo
Michel Camilo

Michel Camilo © Ingrid Hertfelder (Ausschnitt)

Michel Camilo

Man könnte ihn einen Weltenbummler nennen. Doch Michel Camilo vermittelt nicht zwischen verschiedenen Welten, sondern bewegt sich in einer einzigen Welt, in der nur höchst unterschiedliche Dinge ihren Platz haben. Keinem Stil oder Genre, sondern einzig dem Zauber der schwarzweißen Tasten verpflichtet, erschafft er stetig aufs Neue Klangwunder, die keiner Benennung bedürfen.

Der Spartenhörer gehört längst der Vergangenheit an, der Spartenmusiker ist leider noch lange nicht aus der Hemisphäre verschwunden. Michel Camilo gehört hingegen seit mehr als dreißig Jahren zu den Visionären, die der musikalischen Monokultur neue Konzepte entgegensetzen. Als der Mann aus der Dominikanischen Republik 1985 mit seinem Latin-Jazz-Album «Why Not?» debütierte, ahnte niemand, was wirklich in ihm steckt. Dabei war der Titel doch eine offene Einladung, genauer hinzuhören. Bereits im Alter von 16 Jahren war er Mitglied des Symphonieorchesters seines Heimatlandes. Sicher, keines der Top-Orchester des Planeten, aber immerhin genug, um ihm das notwendige Rüstzeug für die Laufbahn eines klassischen Konzertpianisten mitzugeben. Mehr als zehn Jahre war er in diesem Selbstverständnis unterwegs, bevor er sich schließlich fragte, warum nicht ’mal Jazz? Er war kein Jazzpianist, sondern ein Pianist, der Jazz spielte. Dass in diesem Unterschied mehr steckt als spitzfindige Wortklauberei, hat er seither auf zahlreichen Alben und in noch viel mehr Konzerten in unterschiedlichsten Konstellationen bewiesen.

Als sich der Mann mit dem großen Panorama in den Händen 1987 zum klassischen Dirigenten mauserte, war das kein Seitenwechsel, wie es damals teilweise wahrgenommen wurde, sondern eine unvermeidliche Ausweitung seines Wirkungsgrads. Wie auf den Tasten seines Instruments zauberte er die Klänge nun aus ganzen Orchestern. Macht der Ton selbst einen Unterschied zwischen Jazz und Klassik, zwischen dem Feuer einer Rumba-Band oder dem gepflegten Hochgenuss eines Kammerkonzerts? Der Ton macht die Musik, nicht umgekehrt. Für Michel Camilo ist es überhaupt kein Widerspruch, an einem Abend etwa mit seinem Jazz-Trio und der Big Band der Wiener Volksoper aufzutreten und am nächsten mit einem Symphonieorchester aufzutreten, um vielleicht an einem späteren Abend wieder etwas ganz anderes zu machen. Die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und Folklore sind für ihn nicht fließend, sie sind schlicht nicht vorhanden.

Grenzenlosigkeit versprechen in diesem Sinne auch die Michel-Camilo-Abende in der Porträtreihe des Wiener Konzerthauses. Sein Projekt «One More Once» spiegelt etwa den Latin Big Band Sound wider: Das Projekt – einer Wanderung auf einem rhythmischen Drahtseilakt gleich – ist erstmals in Österreich zu erleben. Mit den Wiener Symphonikern gibt er sich neben George Gershwin auch Eigenkompositionen hin, bei denen er wiederum die Leichtigkeit und Spontaneität des Jazzpianisten zu bewahren versteht: Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist zweifellos die österreichische Erstaufführung seines zweiten Klavierkonzerts «Tenerife». Im Duo mit dem spanischen Gitarristen Tomatito fügen sich Flamenco, lateinamerikanische Klänge und Jazz zu einem kammermusikalischen Multitask für das 21. Jahrhundert zusammen: eine besondere Gelegenheit für all jene, die dem frenetisch bejubelten Konzert im Jahr 2007 nicht beiwohnen konnten. Falls es keine Blasphemie ist, von musikalischer Dreifaltigkeit zu sprechen: in Michel Camilo vereinen sich somit mindestens drei Wesenheiten eines großen Künstlers zu einem vollkommenen Ganzen.

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