Charlotte Sohy

Zu ihrer Zeit fand die Pariser Komponistin Charlotte Sohy (1887–1955) durchaus Anerkennung, geriet dann aber in Vergessenheit. Ihre Symphonie »Grande Guerre« wurde erst vor sieben Jahren uraufgeführt. Nun ist sie mit dem RSO Wien unter Bar Avni erstmals in Österreich zu hören
from Annelie LechnerDie vergessene Symphonie
»La Symphonie oubliée«, nennt die Dirigentin Debora Waldman ihr gemeinsam mit der Musikjournalistin Pauline Sommelet 2021 publiziertes Buch. Darin erzählt Waldman die Geschichte ihres Herzensprojekts: der verspäteten Uraufführung von Charlotte Sohys Symphonie in cis-moll »Grande Guerre« 2019 in Besan.on. Den Anstoß gab eine Begegnung mit François-Henry Labey, dem Enkel der Komponistin. Sohy faszinierte Waldman sofort: Komponistin, Mutter von sieben Kindern, Ehefrau des Komponisten und Dirigenten Marcel Labey … »Wie kann es sein, dass wir diese Frau nicht kennen – eine Frau, die komponieren konnte, die Talent, Können und Inspiration besaß? Das fühlt sich einfach so ungerecht an«, so Waldman. Inzwischen liegen ein Dokumentarfilm sowie Ersteinspielungen ihrer Orchester-, Vokal- und Instrumentalwerke vor. Rund sechzig Jahre nach Sohys Tod hat ihre Musik endlich den Weg in Konzertprogramme gefunden. Renommierte Interpret:innen widmen sich ihren Werken, darunter Lang Lang oder Renaud Capuçon, der schwärmt: »Das zeichnet große Komponist:innen aus: Debussy erkennt man innerhalb weniger Sekunden, Ravel ebenso – und ich finde, dass man auch Charlotte Sohys Musik auf Anhieb wiedererkennt.«
Komponistin der Belle Époque
Charlotte Sohy, geboren als Charlotte Marie Louise Durey, wuchs im Paris der Belle Époque auf. Ihre Familie war gut integriert in die Pariser Industriebourgeoisie. Ihr Vater, ein Ingenieur, und ihre Mutter, eine Salonni.re, förderten früh ihre musikalische Begabung und ließen für sie sogar eine eigens angefertigte Cavaillé-Coll-Zimmerorgel errichten. Im Salon der Familie begegnete Sohy u. a. Gabriel Fauré, der ihr Interesse für die Orgel und für das Komponieren weckte. Prägend war die Aufführung seines Requiems in der Version für großes Symphonieorchester anlässlich der Pariser Weltausstellung 1900, der Sohy beiwohnte. Später nahm sie Kompositionsunterricht bei Mélanie Bonis und studierte an der renommierten Schola Cantorum bei Alexandre Guilmant, Vincent d’Indy und Louis Vierne.
Zu ihren Mitschüler:innen und Freund:innen gehörte die gleichaltrige Nadia Boulanger. An der Schola Cantorum lernte sie auch ihren späteren Ehemann Marcel Labey kennen, der ihr künstlerisches Schaffen schätzte und unterstützte. Einem Bewunderer seiner Musik soll er einmal gesagt haben: »Danke, dass Ihnen meine Musik gefällt. Aber hören Sie sich lieber die meiner Frau an. Wenn Sie glauben, ich sei talentiert, dann war sie ein Genie.« Das Ehepaar Labey verkehrte in bedeutenden Künstler:innenkreisen – etwa im Salon von Marguerite de Saint-Marceaux. Sohy schilderte die Begegnungen in ihren Memoiren: »Ich erinnere mich an Maurice Ravel, der seine ›L’Heure espagnole‹ spielte, und an so viele andere.« Ihre Werke signierte sie oft Ch. Sohy bzw. Charles Sohy, dem Namen ihres Großvaters mütterlicherseits, aber auch mit Charlotte Sohy-Labey oder den Pseudonymen Louis Rivière und Claude Vincent.
Die Symphonie »Grande Guerre«
Die Klangwelten der Spätromantik verbindet Sohy in ihrem eigenen Werk mit impressionistischen Farben – in unterschiedlichsten Genres: Sie komponierte intime Charakterstücke, Streichquartette, Klavierwerke, Orchesterlieder, Messen und sogar eine Oper mit selbst verfasstem Libretto, inspiriert von einer Novelle Selma Lagerlöfs. »Ihr Stil ist persönlich, anspruchsvoll, raffiniert«, schreibt BR Klassik heute dazu. Ihre Symphonie »Grande Guerre« wurde geprägt durch ihre Erlebnisse im Ersten Weltkrieg: Nachdem Marcel Labey schwer verwundet worden war, zog die Familie in die Normandie, wo Sohy ihre Symphonie vollendete. Waldman in ihrem Buch, das derzeit von Susanne Moldau ins Deutsche übersetzt wird und demnächst erscheint: »Diese Musik […] ist dazu geschaffen, die Seelen zu berühren. Diese Musik ist für die Ewigkeit gemacht, nicht für die der Friedhöfe und stummen Archive, sondern für die der Musikliteratur und der Konzertsäle der ganzen Welt.« Im November erklingt die Symphonie nun erstmals im Wiener Konzerthaus, gespielt vom RSO Wien unter dem Dirigat von Bar Avni.
ORF Radio-Symphonieorchester Wien / Blechacz / Avni
