Ein Geschenk mit Folgen

Heinrich Heine war dabei, Georg Friedrich Hegel und Mitglieder der königlichen Familie Preußens, als Felix Mendelssohn am 11. März 1829 in der Berliner Sing-Akademie eine Aufführung von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion leitete. Seit dem Tod des Komponisten im Jahr 1750 war sie nicht mehr öffentlich erklungen. Mendelssohn war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 19 Jahre alt
from Alexandra ZianeDie Noten konnte man damals weder im Netz herunterladen noch in der Bibliothek ausleihen. Es war seine Großmutter mütterlicherseits, Bella Salomon, geborene Itzig, die dem jungen Felix zu seinem 15. Geburtstag am 3. Februar 1824 oder 1823 zu Weihnachten eine Kopie der Handschrift der Matthäuspassion geschenkt hatte – kurz zuvor waren die Mendelssohns zum Protestantismus konvertiert. Bachs Musik galt zu diesem Zeitpunkt gemeinhin als altmodisch, verkopft und unzugänglich. Geschätzt wurden allemal seine tastenmusikalischen Kompositionen, die in privaten Kreisen kursierten oder als Unterrichtsmaterial dienten.
Musikliebe in der Familie Itzig
Bella Salomons Interesse an Bachs Musik kam nicht von ungefähr. Sie war eines von fünfzehn Kindern des Bankiers Daniel Itzig, Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Berlin und Anhänger der aufklärerischen Bewegung. In seinem Hause wurde die Musik von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach hoch gehalten. Seine Kinder, Töchter wie Söhne, erhielten eine entsprechende Bildung: Cembalounterricht von Bachs ältestem Sohn, Wilhelm Friedemann, Philosophieunterricht von Moses Mendelssohn. Die Töchter Zippora (Cäcilie) und Vögele (Fanny) heirateten nach Wien, wo sie literarisch-musikalische Salons unterhielten. Sarah, verheiratete Levy, blieb in Berlin, wo sie ihrer Vorliebe für die Musik der Bach-Familie frönte. Sie war Mitglied der Sing-Akademie, trat selbst als Cembalistin, etwa in Bachs Konzerten, auf und betrieb ebenfalls einen Salon. Bellas Tochter Lea heiratete den Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn, Abraham: Aus dieser Ehe gingen Fanny und Felix hervor. Abraham erwarb 1805 einen erheblichen Teil des Bach-Nachlasses, um ihn der Berliner Sing-Akademie unter der Leitung von Carl Friedrich Zelter zu überlassen. Zelter engagierte er auch als Musiklehrer für die Kinder Felix und Fanny, die, bald selbst Mitglieder der Sing-Akademie, so schon früh mit Bachs Werk in Berührung kamen.
Ein unmögliches Projekt?
Zelter brachte in der Sing-Akademie immer wieder Werke Bachs zum Erklingen, eine Aufführung der gesamten Matthäuspassion hielt er aber für unmöglich – aus musikalischen Gründen und aufgrund der »ganz verruchten deutschen Kirchentexte«. Felix Mendelssohn glaubte an das scheinbar undurchführbare Unternehmen. Ihm gelang es schließlich 1829, zum vermeintlichen 100. Jahrestag der Uraufführung – heute geht die Forschung überwiegend von einer Uraufführung im Jahr 1727 aus. Dass Mendelssohns Aufführung eine komplette Neuentdeckung von Bachs geistlichem Werk bedeutete, stimmt also nur bedingt. Vielmehr wurde die Tradition der Bachpflege im Hause der jüdischen Vorfahren Mendelssohns von der Forschung lange Zeit nicht beachtet.
Von der Thomaskirche in den Konzertsaal
Freilich hatte Mendelssohns Projekt wenig mit dem zu tun, was wir heute unter historisch informierter Aufführungspraxis barocker Musik verstehen: Stimmen von Instrumenten wie Gambe oder Oboe d’amore musste er mangels Alternativen ersetzen oder entfernen. Die Anzahl der Sänger:innen war entgegen kleiner Ensembles zu Bach-Zeiten durch die vielen Mitwirkenden der Sing-Akademie auf über hundert angewachsen. Um das große, für den Gottesdienst in der Leipziger Thomaskirche angelegte Werk für den Konzertsaal zu adaptieren, strich er sogar Arien und Choräle. Mit dieser Aufführung fand das für die Liturgie angelegte Werk erstmals den Weg in den Konzertsaal, wo es das Publikum bis heute auch jenseits seiner religiösen Bestimmung tief berührt.
Pygmalion / Pichon
Bach: Matthäuspassion

Pygmalion / Pichon
Bach: Matthäuspassion
