Femmes fatales

Pola Negri
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Sie heißen Salome, Judith und Dalilah, Kleopatra, Loreley und Carmen, Nana und Lulu: die Figuren weiblicher Verführerinnen aus antiker Mythologie, dem Alten Testament, der deutschen Sagenwelt, der Oper und der Literatur

from ALEXANDRA ZIANE

Pola Negri (1897–1987). Fotografie von 1923. Die polnische Schauspielerin wurde gefeiert für ihre Verkörperung von Femmes fatales in Stummfilmen.

Gerade in Zeiten großer Ängste oder Umbrüche, die die patriarchale Ordnung in Frage stellen, sind Darstellungen von Femmes fatales weit verbreitet. In der bildenden Kunst schufen die Präraffaeliten im 19. Jahrhundert beispielgebende Gemälde, so etwa Dante Gabriel ­Rossetti seine »Lady Lilith« (1866 bis 1868): Adams ungehorsame erste Frau bewundert ihre üppig wallenden Locken in einem Spiegel. Gustav Klimt malte 1901 in Wien Judith mit dem Haupt des Holofernes, Franz von Stuck in München 1893 sein Gemälde »Die Sünde«, eine Frauenfigur mit nacktem Oberkörper, der eine Schlange über die Schulter blickt. Raum für Mehrdeutigkeit gibt es hier keinen: Die Frauen sind gefährliche Verführerinnen. Sie zerstören die Männer, die sie begehren. Aber im Grunde sind sie vielmehr von Männern geschaffene Bilder als eigene Figuren. Etwa zeitgleich äußerte der bedeutende britische ­Psychiater Henry Maudsley (1835–1918) seine Vermutung, dass Frauen, die eine Ausbildung anstrebten, vermutlich ihre Fortpflanzungsorgane schädigen und sich in Monster verwandeln würden – und somit den Fortbestand der Menschheit in Frage stellten.

In Frankreich schuf Émile Zola mit Nana eine berühmte Figur, die vermutlich Édouard Manet 1877 zu seiner »Nana« inspirierte – eine halbbekleidete Frau, die sich vor einem Spiegel schminkt. In der Bibel zählen zu den gleichermaßen selbstbewussten wie verführerischen und verhängnisvollen Frauen Salome, die das Haupt Johannes des Täufers fordert, Judith, die den assyrischen Anführer Holofernes im Heerlager mit seinem eigenen Schwert enthauptet, Dalilah, die dem vor Kraft strotzenden Samson das Haar im Schlaf abschneidet und ihn somit seiner Stärke beraubt. Ihr Urbild war die biblische Eva, die für die Vertreibung aus dem Paradies verantwortlich ist.

Diese Figuren spielten auch in der Operngeschichte wichtige Rollen, insbesondere Ende des 19. Jahrhunderts, etwa in Werken von Camille Saint-Saëns, Georges Bizet und Richard Strauss. Im 20. Jahrhundert folgten Othmar Schoecks 1917 uraufgeführte »Penthesilea« und Alban Bergs ab 1927 komponierte »Lulu«. Letzterer liegt die gleichnamige Figur aus Frank Wedekinds Dramen »Der Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora« zugrunde – Werke, mit denen der Schriftsteller die heuchlerische Prüderie der bürgerlichen Gesellschaft bloßstellt und sie mit der hemmungslos sinnlichen Figur der Lulu konfrontiert. Die Literaturwissenschaftlerin ­Barbara Vinken fasst zusammen: »Bilderbuchartig vereint sie als skrupellos brutale Intrigantin, Giftmischerin und Mörderin alle frauenfeindlichen Klischees. Lulu ist das Negativ des zeitgenössischen weiblichen Ideals des reinen, unschuldigen Mädchens, der seelenvollen Gattin, des empfindsamen Engels im Haus.« Sie verkehrt alle bürgerlichen Ideale, niemand ist vor ihr sicher, »ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt, ob Medizinalrat oder Zirkuskünstler«.

1905 hatte eine von Karl Kraus initiierte Aufführung von Wedekinds »Büchse der Pandora« einen derart bleibenden Eindruck auf Alban Berg hinterlassen, dass ihn der Stoff nicht mehr losließ. 1927 entschloss er sich dazu, eine gleichnamige Oper zu komponieren, in der er jedem der Charaktere eine Zwölftonreihe zuordnete. Nach Fertigstellung des Particells, aber vor der Vollendung der Instrumentierung stellte er auf Anregung von Otto Klemperer eine Suite zusammen. Erich Kleiber brachte die Suite trotz zunehmend schwieriger politischer Lage in Berlin am 30. November 1934 in der Staatsoper zur Uraufführung, wenige Tage darauf wurde er entlassen. In diese symphonischen Stücke bindet Berg auch einen Koloratursopran ein, der das berüchtigte Lied der Lulu vorträgt. Aufgrund einer Blutvergiftung in Folge eines Insektenstiches starb Berg am 24. Dezember 1935 und konnte die Oper nicht mehr vollenden. Die Suite gibt jedoch wichtige Anhaltspunkte für deren Instrumentierung. Friedrich Cerha, dessen 100. Geburtstag wir 2026 feiern, rekonstruierte den 3. Akt auf dieser Grundlage 1979. Das RSO Wien bringt die selten zu hörende Lulu-Suite nun mit Alina Wunderlin zur Aufführung. Es dirigiert Ingo Metzmacher, der am 16. Jänner auch ein Konzert des Klangforum Wien leitete.

Konzerttipps

17/02/2026
17/02/26
Tue, 7.30 PM ∙ Mozart-Saal
Kammermusik Neue Musik

Friedrich Cerha zum 100. Geburtstag

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21/02/2026
21/02/26
Sat, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Orchester Lied & Arien

ORF Radio-Symphonieorchester Wien / Wunderlin / Metzmacher

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