Große Konzerte, unbekannte Namen

Marie Soldat-Röger
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Violinkonzerte von Brahms, Tschaikowsky, Prokofjew und Bartók, Klavierkonzerte von Mendelssohn und Ravel: Welche Solistinnen, Komponistinnen und Widmungsträgerinnen stehen hinter diesen bekannten Meisterwerken?

from HENRIKE ROST

Marie Soldat-Röger
* 1863 Geidorf/Steiermark, † 1955 Graz. Schülerin Joseph Joachims. Erste Frau, die Brahms’ Violinkonzert öffentlich spielte. Gründete das Soldat-Röger­Quartett. Trat von 1914 bis 1928 acht Mal im Wiener Konzerthaus auf.

Delphine von Schauroth, Marie Soldat, Stefi Geyer oder Marguerite Long? Diese Namen sind heute weitgehend vergessen. Die Künstlerinnen teilen das Schicksal vieler Frauen in der Musikgeschichte, deren kulturelle Teilhabe im Vergleich zu der von Männern deutlich schneller in Vergessenheit gerät. Tatsächlich ist das Wirken dieser Frauen eng verknüpft mit Schlüsselwerken des klassischen Konzertrepertoires und deren Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Béla Bartók und Maurice Ravel.

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Delphine von Schauroth und Fanny Mendelssohn Bartholdy
Die Pianistin und Komponistin Delphine von Schauroth (1813–1887) unternahm bereits als Zehnjährige ihre erste Konzertreise durch Europa. Felix Mendelssohn hörte sie erstmals im März 1825 in Paris und machte kurz darauf ihre persönliche Bekanntschaft. An seine Schwester Fanny Mendelssohn schrieb er: »Sonntag früh war eine musikalische Gesellschaft beim Baron Trémont. Viel Zuhörer, in wenig Stuben. Viel Musik, wenig gute. Ich lernte da Onzlow, Vidal, Boëly, Mlle. Schauroth (eine junge Klavierspielerin) u.s.w. kennen.«

Während Felix sich aufmachte, als Komponist Europa weiter zu erkunden, hatte Fanny Mendelssohn Bartholdy im Oktober 1829 den Maler Wilhelm Hensel geheiratet und war am 16. Juni 1830 Mutter geworden. Im selben Jahr wurden drei von ihr komponierte Lieder unter dem Namen ihres Bruders in dessen Opus 9 veröffentlicht: »Zwölf Lieder mit Begleitung des Pianoforte / in Musik gesetzt von Felix Mendelssohn Bartholdy« (Berlin: Schlesinger). Die Hintergründe und Intentionen der Beteiligten sind nicht im Detail zu durchdringen, doch familiäre Erwartungen und gesellschaftliche Konventionen spielten dabei sicher eine zentrale Rolle. In der Londoner Zeitschrift The Harmonicon wurde in einem Artikel vom 3. März 1830 interessanterweise ganz offen darüber berichtet: »But the whole of the twelve [songs] are not by him [Felix Mendelssohn]: three of the best are by his sister, a young lady of great talents and accomplishments.«

»Es ist ein ächt musikalisches und empfindendes Gemüth in dem Kinde, welches, bey allen Erfordernissen eines schönen Anschlages, einer bereits ungemeinen Fertigkeit, in dem geistvollen Vortrage der schwierigsten Compositionen eines Beethovens und Hummels zum Herzen spricht«
Allgemeine musikalische Zeitung, 1823
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Im Sommer 1830 traf Felix Mendelssohn in München erneut auf Delphine von Schauroth und war nicht nur von ihrem musikalischen Talent begeistert. Der 21-Jährige besuchte die Pianistin regelmäßig und spielte mit ihr vierhändig. Seine Familie hielt er zwar auf dem Laufenden, ließ sich aber zugleich nicht gänzlich in die Karten blicken: »Hier aber noch einen Privatnachtrag für die Geren [Mendelssohn-Schwestern]: ich gehe nun Tag um Tag auf die Gallerie und zweimal in der Woche Morgens zur Schauroth, wo ich lange Visiten mache. Wir raspeln gräßlich. Eigentlich ist es zarte Freundschaft, würde Beckchen [die jüngere Schwester Rebecka] sagen, aber wer kann für Unglück, […] so ist das Alles nicht gefährlich, denn ich bin schon verliebt. Und zwar in eine Schottinn, deren Namen ich nicht weiß.« (Brief an Fanny Hensel, München, 27. Juni 1830)

Die entstandenen freundschaftlichen und anklingenden romantischen Gefühle schlugen sich schließlich auch kompositorisch nieder. Schauroth schrieb in Mendelssohns Stammbuch eine eigene Klavierkomposition mit dem Titel »Lied«, datiert vom 21. Juli 1830. Mendelssohn, der von München aus weiter nach Italien gereist war, antwortete darauf, indem er in Venedig ein Gondellied in g-moll komponierte. Dieses schickte er ihr im Oktober 1830 in Gestalt eines Stammbuchblatts zu. Während seines Rom-Aufenthalts ab November 1830 arbeitete Mendelssohn an seinem ersten Klavierkonzert g-moll op. 25, das er bei seiner Rückkehr in München vollendete und dort am 17. Oktober 1831 zur Uraufführung brachte. Das Konzert ist »Fräulein Delphine von Schauroth zugeeignet«.

Im Wiener Konzerthaus wird Mendelssohns erstes Klavierkonzert gleich zweimal zu hören sein: am 8. und am 11. Jänner 2026 mit den Wiener Symphonikern und Jan Lisiecki als Solist.

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Marie Soldat-Röger
Am 15. Jänner 2026 begrüßt das Wiener Konzerthaus den Geiger Joshua Bell mit der Academy of St Martin in the Fields. Auf dem Programm steht mit Brahms’ Violinkonzert ein Klassiker. Brahms widmete die Komposition seinem Freund und Kollegen Joseph Joachim, der das Konzert mit ihm in Leipzig zur Uraufführung brachte. Weniger bekannt ist die erste Frau, die Brahms’ Opus 77 öffentlich spielte. Während der Arbeit am Violinkonzert, im Sommer 1878 in Pörtschach am Wörthersee, war Brahms auf die 15-jährige Geigerin Marie Soldat aufmerksam geworden. Er empfahl die Grazerin für ein Studium bei Joseph Joachim an der Königlichen Hochschule für Musik zu Berlin. Marie Soldat (1863–1955) spielte Brahms’ Violinkonzert schließlich am 8. März 1885 bei der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde – in Gegenwart des Komponisten. Obwohl Johannes Brahms die Geigerin als Interpretin sehr schätzte, widmete er ihr keines seiner Werke direkt.

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Stefi Geyer
Frauen wie Marie Soldat ist es zu verdanken, dass Weltklasse-Geigerinnen heutzutage keine Seltenheit mehr sind. Im Wiener Konzerthaus ist am 22. Jänner 2026 Lisa Batiashvili mit dem Oslo Philharmonic zu hören, am 28. Jänner spielt Hilary Hahn mit dem Philharmonia Orchestra. Am 9. Februar folgt Patricia Kopatchinskaja mit dem Toronto Symphony Orchestra. Auf dem Programm steht – neben einer Erstaufführung eines Werkes der Komponistin Kelly-Marie Murphy und Gustav Mahlers Vierter – Béla Bartóks Konzert für Violine und Orchester Nr. 1. Widmungsträgerin des Violinkonzerts ist Stefi Geyer.

Die in Budapest geborene Violinistin Stefi Geyer (1888–1956) stand – ebenso wie Delphine von Schauroth – bereits als Kind auf der Bühne und unternahm größere Konzerttourneen. Beiden Musikerinnen gelang es, nach der Karriere als Kindervirtuosin auch als erwachsene Künstlerin erfolgreich zu sein. Im Jahr 1899, mit nicht einmal elf Jahren, hatte sich Stefi Geyer in Budapest auf einer Soirée in höchsten Gesellschaftskreisen präsentiert, um ihren Namen bekannt zu machen und Kontakte zu knüpfen. An diesem Abend traten auch die 14-jährige Gräfin Dora Pejačević und deren Brüder auf. Noch im selben Jahr widmete Dora Pejačević der jüngeren Kollegin ihre Canconetta op. 8 für Violine und Klavier, die schließlich von Stefi Geyer auch öffentlich uraufgeführt wurde – für beide Frauen eine geschickte Strategie, um im Verbund ihren professionellen Anspruch zu untermauern.

»… unter ihren Fachgenossen nimmt sie [Stefi Geyer] einen der ersten Plätze ein. Grosses technisches Können vereinigt sich bei dieser Violinistin mit musikalischem Denken und Fühlen.«
Musikzeitschrift Signale, 2. April 1913

Béla Bartók lernte Stefi Geyer 1906 in Budapest kennen. Sie wurden ein Liebespaar, trennten sich aber bald wegen unüberbrückbarer religiöser Differenzen. In die Zeit ihrer Partnerschaft fällt die Komposition von Bartóks erstem Violinkonzert, das Geyer nie öffentlich spielte. Das Manuskript verblieb bis zu ihrem Tod in ihrem Besitz. Stefi Geyer wurden im Laufe ihres Lebens zahlreiche Werke zugeeignet. Etwa widmete ihr der Schweizer Pianist und Komponist Othmar Schoeck die Violinsonate op. 16 (1908) sowie das Violinkonzert op. 21 (1911/12). 1921 komponierte Walter Schulthess, mit dem sie verheiratet war, das Concertino op. 7 für Violine und Orchester für die Geigerin – ein Werk, das sie 1924 während einer längeren Tournee durch die USA wiederholt erfolgreich aufführte. Nicht zuletzt war Stefi Geyer auch als Pädagogin tätig und leitete von 1934 bis 1953 die Streicher-Konzertklasse am Züricher Konservatorium: Neben vielen anderen bildete sie Aida Stucki aus, die spätere Lehrerin von Anne-Sophie Mutter.

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Marguerite Long
Eine Zeitgenossin von Stefi Geyer ist die französische Pianistin Marguerite Long (1874–1966). Sie ist Widmungsträgerin von Ravels Klavierkonzert, das sie im Jahr 1932 uraufgeführt hatte. Besonders im Ausland war ihr Name eng mit dem Werk verknüpft, und sie spielte es häufig unter der Leitung des Komponisten selbst – bis zu dessen Tod im Jahr 1937. Marguerite Long galt generell als Spezialistin für die neue französische Schule. Zahlreiche Werke, u. a. von Gabriel Fauré, Darius Milhaud, Francis Poulenc und Eric Satie, sind ihr gewidmet. Sie stand früh in intensivem künstlerischem und freundschaftlichem Kontakt mit Gabriel Fauré sowie, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, mit Claude Debussy und später Maurice Ravel.

»Die Interpretation Mme Marguerite Longs ist nicht nur reinste Poesie, sondern auch von einer großen klanglichen Sensibilität.«
L’Européen, 13. Mai 1932

Als Musikschriftstellerin publizierte Marguerite Long Beiträge zu allen drei Künstlern. Zudem unterrichtete sie über Jahrzehnte am Pariser Konservatorium und gründete 1920 sogar ihre eigene private Klavierschule, die École Marguerite Long. Diverse Einspielungen mit Marguerite Long als Solistin – u. a. auch von Ravels Klavierkonzert – sind online zu finden.

94 Jahre nach der Uraufführung durch Marguerite Long spielt die italienische Pianistin Beatrice Rana Ravels Klavierkonzert mit der Tschechischen Philharmonie unter der Leitung von Semyon Bychkov. Gerahmt wird das Klavierkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdys Italienischer Symphonie und Igor Strawinskis Ballett »Pulcinella«.

Konzerttipps

27/02/26
27/02/26
Fri, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Orchester

Tschechische Philharmonie / Rana / Bychkov

27546880100109,–
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22/01/2026
22/01/26
Thu, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Orchester Solistisches

Oslo Philharmonic / Batiashvili / Mäkelä

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28/01/2026
28/01/26
Wed, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Orchester Solistisches

Philharmonia Orchestra / Baeva / Rouvali

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