Gut gegen Schwermut

Peter Iljitsch Tschaikowsky und Nadeshda von Meck verband eine einzigartige Beziehung, deren abruptes Ende bis heute Rätsel aufgibt
from ALEXANDRA ZIANEZwei Menschen, die sich unzählige Briefe schreiben, ohne sich jemals in Wirklichkeit zu begegnen: Das ist nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, eine Geschichte aus dem Zeitalter der E-Mails, sondern aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Peter Iljitsch Tschaikowsky erhielt am 30. Dezember 1876 (nach dem in Russland üblichen Kalender am 18. Dezember) den ersten Brief von Nadeshda von Meck, den er tags darauf beantwortete.
Eine Unzahl von Briefen
Der in den 1930er-Jahren veröffentlichte gesamte Briefwechsel umfasst 1204 Briefe, ausgetauscht im Verlauf von etwa 14 Jahren. Das sind, verlorene Briefe nicht eingerechnet, im Schnitt etwa 86 Briefe im Jahr bzw. einer alle vier Tage. Freilich beinhalteten diese nicht wie viele Mails nur wenige Worte, sondern teilweise mehrere Seiten, abgeschickt an verschiedenen Orten, wo sich der Komponist jeweils aufhielt: nicht nur in Moskau und St. Petersburg, sondern auch in Clarens (Schweiz), Tiflis, Rom, Venedig oder Wien: »Die Fahrt über den Semmering war bezaubernd«, schreibt Tschaikowsky am 3. Dezember 1877. Sein Diener war »der Ansicht, die Häuser in Wien seien viel hässlicher als die in Moskau und Moskau in jeder Beziehung unvergleichlich schöner.«
Nadeshda von Meck, 1876 46-jährig und gerade verwitwet, kümmerte sich um das Finanzimperium ihres Mannes, eines ehemaligen Eisenbahningenieurs. Von ihren elf überlebenden Kindern (geboren hatte sie insgesamt 18) waren einige schon erwachsen. Aufgrund ihres Reichtums konnte sie ihrer Liebe zur Musik auch durch spendable Unterstützung Ausdruck verleihen. In ihrem Haus unterrichteten Nikolaj Rubinstein, Henryk Wieniawski und zeitweise auch Claude Debussy.
Seelenverwandtschaft
Von Meck und Tschaikowsky fühlten sich wie Seelenverwandte, beschlossen aber, sich nicht zu treffen: »Es gab eine Zeit, da ich Sie persönlich kennenlernen wollte. Je mehr aber Ihre Musik mich bezaubert, umso ängstlicher fürchte ich eine Begegnung mit Ihnen.« Stattdessen schickten sie sich gegenseitig Fotografien. Für den von Depressionen und Selbstzweifeln gebeutelten Komponisten stellte die Brieffreundin in diesem Zeitraum die größte emotionale Stütze dar. Sie bestätigte ihn nicht nur in seiner künstlerischen Arbeit, sondern ließ ihm eine großzügige Apanage von jährlich 6000 Rubel zukommen.
»Wie viel Freude und wieviel Schmerz bereitet mir Ihre Musik! Doch dieser Schmerz fesselt, er offenbart uns unsere höhere Natur, erweckt die Hoffnung und Erwartung eines Glückes, das dieses Leben nicht zu bieten vermag«, bekannte von Meck im März 1877. Nach seiner 5. Symphonie 1888 großer Kritik ausgesetzt, ermutigte sie Tschaikowsky, weiterhin zu komponieren.
Ein abruptes Ende
Das Unglaubliche passierte im September 1890: Die geliebte Freundin teilte Tschaikowsky mit, dass sie die Zahlungen aufgrund ihrer finanziellen Lage einstelle und auch den Briefwechsel beende. Weitere Briefe seinerseits gingen zurück bzw. blieben unbeantwortet. Auf das Geld war er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr angewiesen, der Verlust der Freundschaft stellte für ihn aber einen herben Schlag dar. Der Grund für von Mecks Rückzug bleibt bis heute unklar. Hatten ihre Kinder Druck auf sie ausgeübt? War sie eifersüchtig darauf, dass Tschaikowsky nun als erfolgreicher Komponist mit ihr weniger Exklusivität teilte? Hat sie tatsächlich erst jetzt erfahren, dass er homosexuell war und war davon schockiert? War sie, geplagt von psychischen und physischen Leiden, gesundheitlich schlichtweg nicht mehr in der Lage? Drei Monate nach Tschaikowskys unerwartetem mysteriösem Tod am 6. November Jahr 1893 starb Nadeshda von Meck in Nizza an Tuberkulose.
Wiener Symphoniker / Zimmermann / Treviño

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