Herzog Blaubarts Burg

Man kann nicht lieben und geliebt werden, ohne sich zu öffnen, nicht wahr? Aber wenn es dann mal angefangen hat mit dem Öffnen, lauert da womöglich die Gefahr, zu weit zu gehen? Hinter dem vordergründigen Gepräge eines Gräuelmärchens kümmert sich Béla Bartóks Einakter »Herzog Blaubarts Burg« um genau solche Fragen: Sieben Türen hat die Seele Blaubarts, und Judiths Liebe schickt sich an, sie alle zu öffnen. Ob das wohl gut geht?
from Michael BraunBlaubarts schauerlicher Schatten und seine symbolistische Burg
Wenn es nach dem Textdichter Béla Balázs geht, ist in »Herzog Blaubarts Burg« neben den zwei Gesangsrollen unbedingt noch eine dritte Rolle anzuführen – eine stumme zwar, aber nicht weniger als die Titelrolle: Blaubarts Burg selbst.
Was zunächst etwas manieriert wirken könnte, ist tatsächlich eng verknüpft mit der symbolistischen Aussageabsicht des einaktigen Bühnenstücks, das erstmals 1910 in einer Theaterzeitschrift veröffentlicht wurde. Zwar ersteht vor unseren Augen die aus Gräuelmärchen bestens bekannte Mörderfigur des Blaubart, und auch das Motiv der verschlossenen und dadurch Neugier erweckenden Tür erhält einen zentralen Platz in der Handlung. Die sieben Türen aber, die Balázs aus der Haupthalle der herzoglichen Burg in Nachbarräume führen lässt, geben nur vordergründig den Blick frei auf Blaubarts Folter-, Waffen- und Schatzkammer, seinen geheimen Garten, die Weiten seines Reiches und einen geheimnisvollen Tränensee. Gemeint sind tatsächlich Facetten seines Charakters und seiner Biographie. Die Burg ist Blaubarts Seele. Judith wiederum ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern die personifizierte Liebe einer anderen Person. Wenn sie am Ende hinter der siebenten Tür verschwindet, eingereiht unter die früheren Geliebten Blaubarts, dann geschieht hier kein Mord, sondern eine distanzierende Verewigung, die erinnernde Verklärung einer Liebe, die in diesem Moment aufgehört hat, einander zu gelten.
Vom Theaterstück zur Oper
Balázs widmete sein symbolistisches Theaterstück den befreundeten Komponisten Zoltán Kodály und Béla Bartók und dürfte sich eine baldige Vertonung – vorzugsweise durch ersteren – erhofft haben. Tatsächlich fing aber Bartók Feuer und machte sich umgehend an die Arbeit. Ohne eine eigene Einrichtung als Libretto abzuwarten, schöpfte er direkt aus dem Theaterstück. Bereits 1911 war die Partitur fertig.
In »Herzog Blaubarts Burg« bündelten sich mehrere Ambitionen Bartóks: Gerade Anfang 30, war er zwar ein anerkannt begabter Komponist, hatte aber den öffentlichen Durchbruch noch nicht geschafft. »Herzog Blaubarts Burg« sollte nun sein erstes Bühnenwerk werden (es blieb, neben dem Ballett »Der holzgeschnitzte Prinz« und der Pantomime »Der wunderbare Mandarin« auch sein einziges vokales Bühnenwerk). Das ungarische Bauernlied, das sich Bartók auf Feldforschungsreisen seit 1906 als neue Inspirationsquelle erschlossen hatte, sollte Pate stehen für einen neuen, genuin ungarischen Gesangsstil. Und nicht zuletzt scheint Bartók in Balázs’ pessimistischem Blick auf die Möglichkeit aufrichtiger und erfüllter Liebe die eigenen persönlichen Zweifel verstanden und artikuliert gefunden zu haben.
Die Musik, in die er »Herzog Blaubarts Burg« tauchte, ist höchst effektvoll und farbig, charakterisiert raffiniert die Seelenräume des Herzogs, seine Zweifel wie seine Zuversicht und die emotionale Odyssee Judiths. Bartóks Bauernmusikerfahrungen sind hier nicht in Form volksliedhafter Folkloreeffekte eingegangen, sondern in einer Neigung zu pentatonischen Wendungen (besonders auffällig im Streicherunisono am Beginn, das am Ende der Oper wiederkehren wird) und zu einem sprechähnlichen Gesangsstil, wie er nicht nur von Debussy, sondern auch von den Parlando-Melodien des älteren ungarischen Bauernliedes inspiriert wurde.
Zwischen Krise und Durchsetzung
Angesichts des künstlerischen Ehrgeizes und des persönlichen Engagements überrascht es nicht, dass Bartók in eine schöpferische Krise stürzte, als sich nach und nach alle Hoffnungen auf eine Aufführung der Oper zerschlugen. Erst 1917, befördert durch den Uraufführungserfolg seines zweiten Bühnenwerks »Der holzgeschnitzte Prinz«, wurde auch für »Herzog Blaubarts Burg« der Weg frei. In einer nunmehr überarbeiteten Fassung kam die Oper im Jahr darauf in Budapest endlich zur Aufführung. Seither hat sich »Herzog Blaubarts Burg«, Bartóks selbstbewusst ausgestalteter, psychologisierender Bühnenerstling, als sein mit Abstand bekanntestes Vokalwerk behauptet.
Anna Netrebko
Bartók: Herzog Blaubarts Burg
