Im großen Ganzen. Neue Musik und Ökosysteme
Warum nicht ganz klein anfangen, wenn es um einen Blick auf das große Ganze geht? Wien Modern 2026 beginnt am Eröffnungstag mit unerwarteten Klängen von Orientzikaden, Grashüpfern, Listspinnen, Holzameisen, Blattsaugern, Blattflöhen, Anophelesmücken und Mauerbienen. Dabei sind Insekten noch nicht einmal die kleinsten der vielen Lebewesen, die zahlreiche Künstler:innen in der 39. Festivalausgabe von Wien Modern in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen
from Bernhard GüntherAtemberaubend detaillierte Lasermikrofon-Tonaufnahmen sind in den ersten Festivaltagen im Foyer zu hören – auf großen Lautsprechern aus Chuchchepati (sprich: Tschutschepati), einem Stadtteil von Kathmandu, dem das Lautsprecherensemble Chuchchepati Orchestra seinen Namen verdankt. Im Eröffnungskonzert am 30. Oktober weitet sich der Fokus: Die Wiener Komponistin Pia Palme entwickelt »Mit der Donau« – sowie mit der Künstlerin Lisa Horvath, der Sängerin Juliet Fraser und den Performer:innen Elie Halonen und Satu Hakamäki – ein abendfüllendes Werk, das über Monate hinweg nicht zuletzt im Nationalpark Donauauen entsteht und das vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Leitung von Irene Delgado-Jiménez im Großen Saal des Wiener Konzerthauses uraufgeführt wird. Menschliche und mehr-als-menschliche Beiträge fließen zusammen in einem multimedialen, artenübergreifenden, co-kreativen Prozess.
Durchaus im Widerspruch zum Alltag entdeckt die Musik aktuell eine Welt, in der Menschen nicht im Zentrum stehen, und sucht neue Wege in »ein verlorengegangenes Verständnis, dass auch der Mensch Teil der Natur ist und auf seine Umwelt und deren Funktionsfähigkeit angewiesen ist« (Helga Kromp-Kolb). Das lässt sich fast fünf Wochen lang auf spannend klingende Weise erkunden: Die neuseeländische Deep-Listening-Pionierin Annea Lockwood lädt mit ihrer »Sound Map of the Danube« einen Monat lang im MAK zum Hören von über fünfzig Orten entlang des Flusses, von der Quelle bis zum Schwarzen Meer. Kirsten Reese und das Ensemble Recherche widmen sich mit einer Bioakustikerin den Klängen des Waldes – vom Schwarzwald bis zum einzigen Urwald von Wien. Das Kollektiv Points of Listening bringt die Klangwelt des indonesischen Rungan-Urwalds ins Tanzquartier. Katrin Hornek und Judith Unterpertinger laden zu einer Besteigung des erstaunlichsten Bergs von Wien, der Mülldeponie Rautenweg. Jean-Luc Hervé bringt Schlagzeug- und Insektenklänge in die Zacherlfabrik, in der einstmals Insektenvertilgungspulver hergestellt wurde. Dimitri de Perrot macht auf einer beeindruckenden Liegelandschaft im Jugendstiltheater am Steinhof die Klangwelt im Erdboden spürbar.
Neben diesen und zahlreichen weiteren Erkundungen verschiedenster Ökosysteme sind u. a. Elfriede Jelinek und Francesca Verunelli im Musikverein sowie Bernhard Leitner in der Secession Schwerpunkte gewidmet. Außerdem feiert Wien Modern heuer die hundertsten Geburtstage von Friedrich Cerha und Morton Feldman sowie von Betsy Jolas und György Kurtág – die beiden letzteren am 18. November im Mozart-Saal mit dem Arditti Quartet. Ebenfalls im Wiener Konzerthaus, seit 1988 quasi Festivalzentrale, präsentiert das Klangforum Wien u. a. die australische Komponistin Liza Lim (auch dank der Neuen Oper Wien und der mdw heuer sehr präsent) sowie Katharina Klement als Trägerin des Erste Bank Kompositionspreises 2026. Dazu kommen Pierre-Laurent Aimard mit einem introvertierten Opus magnum von Mark Andre (10. November) sowie – entschieden extrovertiert, jung, laut und elektronisch – das Ensemble PHACE u. a. mit
ORF Radio-Symphonieorchester / Pia Palme

Klangforum Wien / Sheen
»Anima Mundi«

Pierre-Laurent Aimard



