Jede Komposition ein Abenteuer

Wayne Shorter
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Er war ein künstlerischer Visionär, der den Jazz in unbekannte Terrains führte. Sein musikalisches Vermächtnis wird in außergewöhnlicher Besetzung gefeiert: Mit »A Tribute to Wayne Shorter« präsentiert ein internationales All-Star-Ensemble symphonische Werke des 2023 verstorbenen Musikers

from Werner Rosenberger

Keine »Suite« im traditionellen Sinn mit klar abgeschlossenen Nummern spielen esperanza spalding, Tineke Postma, Leo Genovese, Terri Lyne Carrington, das Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich und Clark Rundell: Die »Iphigenia Suite Nr. 1«, ist fließender Sound zwischen Debussy und Messiaen, Hochdramatik, Jazz, moderner Oper, symphonischer Dichtung und spirituellem Ritual.

Wayne Shorter komponiert in seiner sieben Jahrzehnte dauernden Karriere bereits ab 1959 im Hard-Bop-Quintett von Art Blakey’s Jazz Messengers kraftvolle Stücke. Gefragt ist: »Nichts zu Filmisches oder Ätherisches, sondern Wirkungsvolles.« Bei »Children of the Night« lässt er die drei Bläser wie ein Orchester klingen – und arrangierte das Werk später tatsächlich für ein solches.

Auch Miles Davis engagiert Shorter 1964 wegen seiner harmonisch raffinierten Kompositionen für sein zweites großes Quintett. »Improvisation ist einfach beschleunigte Komposition«, so der Saxophonist, der oft spontane Soli mit Humor, Spannung, Melancholie, klassischen Musikthemen, Jazz-Zitaten, melodischen Verschiebungen und wiederholten Variationen von all dem spielt.

Er tritt u. a. mit Joni Mitchell und Carlos Santana auf und gründet 1971 mit dem Keyboarder Joe Zawinul die Fusion-Band Weather Report, die Energie und Instrumentierung der Rockmusik mit Jazzimprovisation verbindet. Als Shorter den Synthesizer als Orchesterdarsteller hört, werden seine Kompositionen episch; er nennt sie »Musik für Filme, die niemals gemacht werden«.

In den 1980er-Jahren, am Ende seiner Zeit bei Weather Report, widmet sich Shorter auf drei Soloalben seiner symphonischen Seite – mit vielschichtigen Melodien und Motiven, allerdings immer noch in einem Fusion-Setting, wobei elektronische Instrumente seine musikalischen Konzepte realisieren: »Atlantis«, »Phantom Navigator« und »Joy Ryder«. Schon ähnlich wie später auf dem Album »High Life« (1995) in einer Kombination aus elektrischen Instrumenten und Orchester.

In den 1990er-Jahren erhält Shorter Aufträge, Werke für Symphonieorchester zu komponieren. Nach seiner Vorstellung ist nichts jemals fertig komponiert, alles kann immer wieder überarbeitet werden. So waren einige der ersten symphonischen Werke Neuarrangements: »Angola« aus den Art-Blakey-Tagen; das populäre »Orbits« vom Album »Miles Smiles« (1967) aus den Miles-Davis-Jahren. Letzterer Titel suggeriert Bewegung ohne festen Mittelpunkt und permanente Veränderung. Genau so funktioniert das Stück musikalisch: Der Puls ist elastisch, die Form offen, die Interaktion wichtiger als klassische Akkordfolgen.

Der verrätselte Track »Midnight in Carlotta’s Hair« vom Album »High Life«, das 1996 mit dem Grammy für »Best Contemporary Jazz Performance« ausgezeichnet wurde, wirkt fast wie ein Traumfragment, ein Satz aus einem surrealistischen Roman oder eine Film-noirhafte Momentaufnahme. Auch in »Forbidden Plan-It« steckt viel von Shorters ästhetischem Denken: Musik als Abenteuer ohne festes Ziel. Er verkündet keine eindeutige Botschaft, sondern schafft einen mentalen Raum. Er liebt offene Bedeutungen, Science-Fiction-Assoziationen, Zen-Denken und Mehrdeutigkeit in der Erzählung.

»Jazz bedeutet für mich: ›Ich fordere dich heraus‹. Und diese Musik beschäftigt sich mit dem Unerwarteten. Auch wenn niemand wirklich weiß, wie man mit dem Unerwarteten umgeht. Wie übt man das Unbekannte?«
Wayne Shorter (1933–2023)

Auch bei Auftritten seines eigenen improvisierenden akustischen Jazzquartetts mit Orchestern, die seine Partituren spielen, ist das Ziel, Improvisation und Komposition auf neue Weise zu synthetisieren. Als Komponist hat er den Jazz »von innen heraus verändert«, schreibt Shorters Biografin Michelle Mercer, »weil seine Stücke nicht bloß Themen für Improvisationen sind, sondern offene dramatische Welten. Seine Musik hat die Sprache des modernen Jazz ähnlich tief geprägt wie die von Duke Ellington, Thelonious Monk oder John Coltrane.«

»Wayne Shorter hat mein Leben wirklich verändert«, sagt Clark Rundell. Den Orchesterdirigenten hat von Shorters Fusionswerken »Causeways« aus dem Album »Joy Ryder« (1988) am meisten beeindruckt. Auf die Frage, ob er das Stück selbst orchestrieren dürfe, antwortet Shorter: »Mach es. Mach es nur noch geheimnisvoller.« Prompt wurde aus der Melodie und dem hypnotischen Rhythmus eine Art Bolero, live im Konzerthaus-Programm vor »Gaia« gestellt, »Shorters größtes und härtestes Werk«, so Rundell, »und vielleicht sein großartigstes.«

14/10/26
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