Musikreisen Japan

Kodo -Luminance 2026
Image is loading

Ein dumpfer Schlag, wie aus der Tiefe der Erde. Dann ein zweiter, schärfer, fast wie ein Donner, der durch den Brustkorb fährt. Wer eine Aufführung der japanischen Formation Kodo erlebt, spürt nicht nur Musik – er spürt eine physische Präsenz, eine archaische Kraft, die Klang und Körper untrennbar miteinander verbindet

from MANFRED HORAK

Japan ist ein Land der Gegensätze: Tradition, die sich wie ein Echo hält, und Moderne, die in grellem Glanz ständig neu beginnt. Riesenstädte wie Tokio oder Osaka präsentieren sich in einem Meer aus Neon, das in der Dunkelheit pulsiert wie ein endloser Schaltkreis. Auf den Straßen lärmt die Rushhour, der Shinkansen jagt durch Tunnel, während in einem abgelegenen Schrein eine Glocke schlägt, ihr Klang so schlicht, dass er alle Geräusche des Jahrhunderts durchschneidet, während sich ein Bambushain im Wind neigt, so alt, als hätte er das Rascheln der Heian-Dichter bewahrt. Die Gegenwart von Japan ist gleichzeitig stille Zeremonie und ein endloser Beat. Popsängerinnen lächeln von übergroßen Bildschirmen, ihre Stimmen sind synthetisch geschichtet, makellos geglättet. So überblenden sich Welten: die grellen Harmonien der Idol-Bands und die geheimnisvolle Stille eines Gagaku-Orchesters, das seit Jahrhunderten die Kaiserhöfe beschallt.

Von der Geisha zur Popsängerin
Zwischen Lautsprecher und Trommelfell, zwischen Bühne und Schrein, öffnet sich ein Raum, in dem die Frau in Japans Musik nicht länger am Rand steht. Sie trägt die Moderne und die Vergangenheit zugleich in sich, verkörpert den Riss und die Brücke, den Klang aus Licht und Schatten, eine Reise durch Zeiten, die sich nicht ausschließen, sondern im Rhythmus neu verweben. Mit dem Aufkommen der Geisha-Kultur seit der Edo-Zeit wurden Frauen zu Trägerinnen und Vermittlerinnen musikalischer Ausdrucksformen. Instrumente wie die Shamisen oder die Koto wurden von Geishas meisterhaft gespielt, wobei ihr musikalisches Können untrennbar mit Tanz, Lyrik und Konversation verbunden war. Sie waren Performerinnen, deren Kunst in einem sozialen und ästhetischen Gesamtkontext stand. Ab den 1920er-Jahren begann sich die Rolle der Frau durch die Entstehung von Ryūkōka (frühe japanische Popmusik) zu verändern. Sängerinnen wie Noriko Awaya prägten die Szene und gaben Frauen erstmals eine eigene künstlerische Stimme im öffentlichen Raum. Ab den 1980er-Jahren wurde die Idol-Kultur zentral: Junge Sängerinnen wurden zu Symbolen der »Reinheit«, »Niedlichkeit« (»kawaii«) und makellosen Jugend. In den letzten Jahrzehnten erweiterten Künstlerinnen die Grenzen dieser Rollenbilder. Sängerinnen und Songwriterinnen wie Shiina Ringo, Hikaru Utada oder Aimer verbinden experimentelle Klangästhetik mit selbstbestimmter Autorinnenschaft und positionieren sich bewusst jenseits der Idol-Kultur.

Jazzmusikerinnen auf dem Weg zu internationaler Bekanntheit
Instrumentalistinnen hatten es allerdings besonders schwer, und Jazz galt als maskulin konnotierte Kunstform mit dem Fokus auf technischer Virtuosität. Musikerinnen wie die mittlerweile 96-jährige Toshiko Akiyoshi durchbrachen diese Normen – allerdings erreichte Akiyoshi das erst, nachdem sie in die USA gegangen war. Dort konnte sie sich mit ihrer Big Band international durchsetzen und beweisen, dass eine japanische Frau nicht nur interpretieren, sondern auch komponieren und dirigieren kann. Gegenwärtig ist Hiromi Uehara wohl die international bekannteste zeitgenössische japanische Jazzmusikerin. Sie kombiniert Virtuosität, Bühnenpräsenz und kompositorische Kühnheit. Anders als frühere Generationen ist sie nicht auf »weibliche Eleganz« reduziert, sondern wird als Ausnahmetalent unabhängig vom Geschlecht wahrgenommen. Ihre wilde, fast rockartige Performance-Ästhetik sprengt das Bild der zurückhaltenden japanischen Musikerin. Hiromi repräsentiert die Selbstermächtigung – sie ist nicht nur Interpretin, sondern auch Komponistin und Bandleaderin. Ihre Rolle verweist auf ein neues Bild der Frau im japanischen Jazz: nicht Objekt, sondern kreatives Subjekt mit internationaler Strahlkraft.

Das Schlagwerkensemble Kodo
Die Integration von Frauen hat auch die Formation Kodo vollzogen, obwohl lange Zeit die riesigen Taiko-Trommeln als Domäne der Männer galten. Die physischen Anforderungen – ein fast athletischer Kraftakt, oft barfuß, mit freiem Oberkörper gespielt – trugen dazu bei, dass Frauen im japanischen Trommelspektakel häufig marginalisiert blieben. Kodo hat diese Tradition behutsam, aber entscheidend durchbrochen. Der Name »Kodo« ist bewusst doppeldeutig – er bedeutet sowohl »Herzschlag« als auch »Kind« und verweist auf die Rückkehr zum Ursprünglichen, zum Rhythmus, der jedem Menschen innewohnt. Auf der Bühne vereint Kodo die Wucht uralter Festtrommeln mit der Präzision zeitgenössischer Performance. Bereits in den 1980er-Jahren traten Frauen in der Gruppe nicht nur als Musikerinnen, sondern auch als Tänzerinnen und Sängerinnen auf. Mit der Zeit übernahmen sie zentrale Rollen im Ensemble: an den Trommeln, den Zithern (Koto) oder in Gesangsparts, die der Aufführung eine andere emotionale Textur verleihen. Während Männer traditionell mit den monumentalen Odaiko-Schläge in Verbindung gebracht werden, prägen Frauen oft die Präzision kleinerer Trommeln, den tänzerischen Ausdruck und die Konnotation von Musik mit Bewegung.

Überwindung überkommener Geschlechterbilder
In Interviews betonen Ensemblemitglieder immer wieder, dass es gerade diese Diversität ist, die Kodo lebendig hält – ein Kollektiv, das den kulturellen Herzschlag Japans modern interpretiert und dabei starre Geschlechterrollen überwindet. Eri Uchida, eine der Frauen im Ensemble, beschreibt, wie schwierig es sein kann, mit Instrumenten zu arbeiten, die in ihrer Größe oft für männliche Schultern entworfen sind, wie etwa die riesigen Taiko-Drums. »Before, in Kodo, the biggest impression the audience got was of powerful men in loincloths and bare muscle.« Doch das Stück »Mystery« rückt Frauen ins Zentrum. »I don’t play hard in ›Mystery‹ but I find confidence in being a woman and it makes a strong impression on the audience.« Der künstlerische Leiter Tamasaburō Bandō (bekannt als Onnagata im Kabuki, männlicher Darsteller weiblicher Rollen) weiß um die Bedeutung weiblicher Performance; in Interviews heißt es, dass er seit langem darüber nachdenkt, wie weibliche Rollen auf der Bühne aussehen könnten: nicht Nebenrollen, sondern solche voller Ausdruck und Präsenz.

»Luminance«
Im Programm »Luminance« spiegelt sich dieser Wandel: Frauen sind Teil der neuen Kompositionen und bringen ihre eigene Stimme in die Struktur des Abends ein. Sie sind nicht bloß Mitspielerinnen unter vielen, sondern gestalten den Kontrast zwischen wuchtiger Dramatik und filigraner Bewegung mit. In der Dramaturgie von Kodo wird sichtbar, dass weibliche Präsenz nicht als Schwäche, sondern als zusätzliche Textur verstanden wird – ebenso kraftvoll in kleinen Trommeln, ebenso eindrucksvoll in künstlerischer Geste, kompositorisch bedacht und körperlich gefordert.

23/02/26
23/02/26
Mon, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Global & lokal Percussion

Kodo

»Luminance«

2943617791100,–
Image is loading