Thomas Mann & die Musik

Thomas Mann, Chronist bürgerlicher Held:innen, zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern des letzten Jahrhunderts. Musik war für ihn mehr als nur Motiv: Sie wurde zum literarischen Prinzip, das Struktur, Stimmung und Tiefe seines Werks prägte
from ERICH KLEINMusik als literarisches Prinzip
Musik gilt für Thomas Mann als »heiliger Grundtypus der Kunst«. Sie steht für ihn gleichermaßen für Begeisterung und Erhebung wie für Krankheit und Tod. In frühen Novellen wie »Der kleine Herr Friedemann«, »Wälsungenblut« oder »Tristan« ist sie Auslöser erotischer Verwirrung, im Spätwerk »Doktor Faustus« öffnet sich am Beispiel der Musik der Blick in den Abgrund des Nationalsozialismus.
Musikalische Kindheit in Lübeck
Seine musikalische Prägung erfährt der Spross einer Lübecker Kaufmannsfamilie im Musikzimmer der Eltern und Großeltern. Die Mutter spielt Chopin und singt Lieder von Schubert und Schumann. Thomas Mann nimmt als Jugendlicher Geigenunterricht, Konzert- und Opernbesuche stehen auf der Tagesordnung, seine Hauptfigur in der Musikwelt um 1900 ist Richard Wagner. Sohn Klaus Mann erinnert sich später an das häufige Klavierspiel des Vaters: »Es war immer Tristan.« Nach Manns eigener Aussage figurierte der »Ring des Nibelungen« als Vorbild für den Untergang der Familie Buddenbrook, Wagners Musik dräut auch im Hintergrund des Fin-de-Siècle-Romans »Der Zauberberg«. Überdies teilt dessen Protagonist Hans Castorp mit dem Autor die Leidenschaft für das Hören von Schallplatten. Mann besitzt Ende der 1920er-Jahre eine Sammlung von 800 Schellacks mit Aufnahmen von Bach bis Alban Berg. Mit Schuberts »Der Lindenbaum« auf den Lippen stürzt Hans Castorp in den Ersten Weltkrieg.
Mann & Wagner
Thomas Mann besucht Bayreuth nur ein einziges Mal im Jahre 1909, essayistisch setzt er sich lebenslänglich mit Richard Wagner auseinander, wobei ihm der Vortrag »Leiden und Größe Richard Wagners« aus dem Jahr 1933 die Schelte einstiger musikalischer Hausgötter einträgt. Hans Pfitzner und Richard Strauss werfen Mann »Verunglimpfung der Deutschen« vor. Der reagiert spöttisch: In München herrsche »stehengebliebene Wagnerei«. Die in der amerikanischen Emigration fertiggestellte Roman-Tetralogie »Joseph und seine Brüder« greift die biblische Geschichte als Gegenentwurf zum germanischen »Ring« auf, Mann tituliert den Josephs-Roman als »heitere Götterdämmerung«. Kein Zufall ist es auch, dass die tiefgründigste Auseinandersetzung mit seiner Zeit – der Roman »Doktor Faustus«, den er als sein Hauptwerk versteht – auf dem Gebiet der Musik erfolgt. Der fiktive Komponist Adrian Leverkühn beschließt darin als Reaktion auf die Barbarei der Nazis eine »Rücknahme« des Heilversprechens von Beethovens Symphonie Nr. 9 und greift zur Zwölftontechnik. Arnold Schönberg ist beleidigt und bezichtigt Thomas Mann des Plagiats.
Leidenschaft für die Musik
Thomas Mann pflegte Freund- und Bekanntschaften mit Musikern wie Gustav Mahler, Bruno Walter oder Ernst Krenek. In seinen Tagebüchern finden sich hunderte Einträge zur Musik. Am 22. Februar 1948 heißt es etwa: »Nach dem Wiederhören der Schlussszene von Rheingold fast zu Tränen bewegt. Gebe für diese Stelle allein die ganze Musik Schönbergs, Bergs, Kreneks und Leverkühns dahin.«
*1961 in Altenburg, freier Publizist und Übersetzer, lebt in Wien. Regelmäßige Beiträge in den Ö1-Sendungen »Ex libris«, »Diagonal« und »Kontext«; in »Falter«, »Die Furche«, »Anzeiger«
Dorothee Hartinger / Onutė Gražinytė
Thomas Mann: Buddenbrooks »Wider die Gemütlichkeit«

Michael Maertens / Onutė Gražinytė
Thomas Mann: Buddenbrooks »Wider die Gemütlichkeit«

Katharina Lorenz / Gülru Ensari
Thomas Mann: Buddenbrooks »Der Anfang vom Ende«

