Volle Kraft voraus

Mit musikalischer Maschinenkraft startet die Saison 2026/27: Musik »Aus der Neuen Welt« mit Porträtkünstler Augustin Hadelich und dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck
from ALEXANDRA ZIANEAm 1. April 2026 startete die Mission Artemis II ihre Reise zum Mond. Vier Tage waren die Astronaut:innen dorthin unterwegs, entfernten sich weiter von der Erde als je ein Mensch zuvor. Weltraumreisende nahmen seit den späten 1960er-Jahren Musikkassetten mit, so auch die Crew der Apollo 11, die als erste auf dem Mond landete, oder der Apollo 13. Immer wieder wird berichtet, dass sie dabei Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt« im Gepäck führten – eine Musik, die symbolhaft für Aufbruch und Abenteuer steht. Belege dafür liefern die von der NASA veröffentlichten Listen aber nicht.
Am 26. September 1892 legte der Ozeandampfer »Saale« in New York an. Neun Tage zuvor war er in Bremerhaven von Anker gegangen. An Bord befand sich Antonín Dvořák, der ausgerechnet angeheuert worden war, um einen neuen amerikanischen Nationalstil zu erfinden: »Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir und als Hauptsache, dass ich ihnen den Weg in das gelobte Land einer neuen eigenständigen Kunst weise, kurz, ihnen helfe eine Nationalmusik zu schaffen! Wenn das angeblich kleine tschechische Volk solche Musik habe, warum sollten sie es nicht haben, wo doch Land und Volk so riesig sind!« Dafür studierte er die Musik der Ureinwohner:innen sowie der Afro-Amerikaner:innen, besuchte die Shows von Buffalo Bill. Mit dem Schnellzug fuhr er 1893 36 Stunden nach Spillville in Iowa zu einer tschechisch geprägten Gemeinde. Die Reise mag ihn begeistert haben, hegte er doch neben seiner Naturliebe eine große Faszination für die technischen Errungenschaften, insbesondere die Eisenbahn. Als Kind hatte er in Nelahozeves entlang der Eisenbahntrasse Prag – Dresden gewohnt, bewunderte Dampflokomotiven und verfolgte von da an interessiert die weiteren Entwicklungen im Lokomotivbau. In New York konnte er die legendäre Elevated Railway bestaunen. Und manch einer meint, im Beginn des vierten Satzes von Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt«, die er im Jänner und April 1893 in New York skizzierte, eine abfahrende Lokomotive zu hören.
1895 kehrte Dvořák nach etlichen Triumphen zurück in seine geliebte böhmische Heimat. Im selben Jahr wurde im Bundesstaat Pennsylvania das Pittsburgh Symphony Orchestra gegründet, heute eines der führenden Orchester der Welt. Am 9. September 2026 eröffnet es im Wiener Konzerthaus unter der Leitung seines Chefdirigenten Manfred Honeck mit Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt« die Saison 2026/27.
Gleichsam schwerelos sind die ersten beiden Sätze von Samuel Barbers Violinkonzert op. 14, mit träumerischen Kantilenen im ersten und zärtlich-schwelgenden Melodien im zweiten Satz. Den Finalsatz dieses zweiten Programmpunkts des Eröffnungskonzerts dominieren jedoch musikalische Maschinenkräfte: Ununterbrochene Bewegungen eines Perpetuum mobile brechen sich in einem virtuosen Feuerwerk die Bahn. Porträtkünstler Augustin Hadelich bietet sich hier die Möglichkeit, sowohl seine Einfühlungsgabe als auch seine technische Brillanz unter Beweis zu stellen.
Die Orchesterfanfare »Short Ride in a Fast Machine« von John Adams, uraufgeführt vom Pittsburgh Symphony Orchestra 1986, eröffnet das Konzert. Hier ist es ebenfalls eine rasante Maschine, die für die Komposition Pate stand: »Wissen Sie, wie es ist, wenn man eingeladen wird, in einem tollen italienischen Sportwagen mitzufahren, und sich dann wünscht, man hätte es nicht getan?«, kommentiert Adams. Nach dem bedingungslosen maschinellen Hämmern eines Holzblocks, der selbst Instrumente wie die Tuba antreibt, entlädt sich die Fanfare »wie die letzte Stufe einer Rakete, die die Schwerkraft überwunden hat und ins Weltall schwebt.« Faszinierend!
Saisoneröffnung: Pittsburgh Symphony Orchestra / Hadelich / Honeck


