Weites Herz, offener Horizont: Julian Prégardien

Als »melancholischen Enthusiasten« charakterisierte ihn liebevoll einmal die Süddeutsche Zeitung. Die FAZ feierte seine feinsinnige Gestaltungskunst als »präzise, kristallklar und unsentimental«. Dabei weiß der Tenor Julian Prégardien stets mit viel Gefühl berührende Bögen zu spannen und wird dafür auf der Opernbühne ebenso bejubelt wie im Konzertsaal
from OLIVER BINDERSeine große Hingabe gilt dem Lied, bei dem Sänger und Publikum verhältnismäßig vertraulich zusammentreffen. Vor allem weiß Julian Prégardien hier immer wieder die Schranken der Konvention zu überwinden. Dem entdeckungsfreudigen Ausnahmekünstler ist gerade eine facettenreiche Porträtreihe gewidmet. In einer erfreulichen Fülle von Auftritten – für Kenner:innen ebenso wie für Kinder – präsentiert er seit Saisonbeginn den Reichtum seines künstlerischen Spektrums.
Die erste Hälfte Ihrer Residenz war geprägt von Ihrem erklärten Lieblingskomponisten Franz Schubert – nicht nur in dem eröffnenden Liederabend mit Sir András Schiff, sondern auch in den nahbaren Formaten »Schubert für alle« und »klangberührt«. Was hat Sie persönlich in diesen Klangbegegnungen mit dem Publikum berührt?
Ein ganz besonderer Moment war während des »klangberührt«Konzertes mit Lilian Genn und Bryan Benner, als wir zu »Des Baches Wiegenlied« alle Menschen im Saal eingeladen haben, mitzusummen. So haben wir alle gemeinsam dem Müllerburschen ein Schlaflied gesungen. Und natürlich war das erste »Schubert für alle«-Programm am 19. November ein ganz besonderer Abend für mich, weil eine vor zwei Jahren gepflanzte Saat nun aufgeht: Da habe ich mit dem Projekt »Müller*in Wien« Schubert zum Grundnahrungsmittel erklärt, Lieblingslieder verschenkt und die Lieder seiner »Schönen Müllerin« an zehn verschiedenen Orten in Wien aufgeführt.
In Ihren Lied-Interpretationen nehmen Sie sich gerne etwas mehr Freiheiten, als es die Allgemeinheit bei diesem Repertoire vielleicht gewohnt ist (auch wenn erwiesen ist, dass das Verzieren durch die Wiedergabe von Schuberts Freund und Lieblingssänger Johann Michael Vogl von Anfang an Tradition hat). Von welchen Impulsen lassen Sie sich dabei leiten?
Die echte Freiheit liegt meiner Ansicht nach im emotionalen Überschwang, den ich mir erlaube. Den Liedern nachzufühlen ist eine Gratwanderung. Ich versuche das intellektuelle Übergewicht, das dem Format Liederabend – zumal in der Schubert-Tradition – anhaftet, ins Gleichgewicht zu bringen mit einer nahbaren Gefühlsechtheit.
Einigen der bedeutendsten Schubert-Lieder (z. B. »Du bist die Ruh«) liegen Verse von Friedrich Rückert zugrunde. Nun singen Sie im April die Rückert-Lieder von Gustav Mahler mit dem RSO Wien unter Cornelius Meister: Endet bei Mahler die Möglichkeit des freien Umgangs mit dem Material oder sehen Sie für sich da noch einen Spielraum?
Natürlich sind künstlerische Freiheit und Flexibilität hier tatsächlich eingeschränkter als bei Schubert-Liedern. Ich sehe meine Aufgabe bei Mahler-Liedern auch anders gewichtet: Sie sind in gewisser Weise transparenter komponiert. Ich meine damit, dass darin oft nur eine mögliche Art der Darbietung durchscheint. Als ich mich vor fünf Jahren anlässlich des jugendlichen Zyklus »Lieder eines fahrenden Gesellen« das erste Mal mit Mahlers Liedern beschäftigt habe, habe ich gemerkt, dass die Helligkeit meiner Tenor-Stimme hier – wie übrigens auch bei Schuberts »Winterreise« – eine für viele Hörer:innen ungewohnte Klanglichkeit eröffnet.
Klanglichkeit spielt ja auch in der feinnervigen Lyrik Rückerts eine große Rolle.
Ich habe vor einigen Jahren ein reines Rückert-Programm aufgeführt, gemeinsam mit dem kürzlich plötzlich verstorbenen Komponisten und Pianisten Rudi Spring. Er hat mir einen Rückert-Liederzyklus auf die Stimme komponiert, mit viel Sensibilität für Rückerts einzigartige Wortkompositionen, und dabei meine Neugierde auf »mehr Rückert« entfacht.
»Die echte Freiheit liegt meiner Ansicht nach im emotionalen Überschwang, den ich mir erlaube. Den Liedern nachzufühlen ist eine Gratwanderung.«
Gibt es für Sie über die Verse des Sprachartisten Rückert hinaus noch andere, persönlich empfundene Verbindungslinien von Schubert zu Mahler?
In meiner Wahrnehmung ist Mahler der Beschließer dessen, was Schubert geöffnet hat: Lieder als Kosmos der menschlichen Erfahrungen und Sehnsüchte, mit zwischen Illustration und Verklärung changierenden Mitteln der Komposition und melodischer Schlichtheit in Verbund mit höchster Komplexität.
Schubert und Mahler sind beide auf eigene Weise Wien verbunden. Ihre Beziehung zu dieser Stadt haben Sie anlässlich Ihres Tamino-Debüts an der Staatsoper vor einem Jahr als besonders, aber in Entwicklung beschrieben. Wie fühlt sich diese Beziehung denn heute an?
Durch die »Zauberflöten«-Episode an der Staatsoper habe ich die Musikstadt Wien noch einmal auf etwas andere Art und Weise näher kennengelernt als durch meine vielgeliebte Residenz hier im Wiener Konzerthaus mit ihren niederschwelligen Schubert-Aktionen und Vermittlungsaktivitäten. So gesehen ist meine Beziehung zu Wien weiterhin in Entwicklung, und ich schaue mit besonderer Offenheit auf die nächsten Jahre, vor allem auch auf das Schubert-Jahr 2028. Es wäre doch großartig, wenn sich Wien deutlich zu Schubert bekennen würde!
Ihr Debüt in Wien haben Sie zu Ostern 2023 in der Matthäuspassion mit den Philharmonikern unter Franz Welser-Möst gegeben – nun singen Sie mit dem Ensemble Pygmalion unter Raphaël Pichon erneut den Evangelisten in diesem Werk. Welchen Unterschied macht es für Sie, diese Ihnen so ans Herz gewachsene Partie mit einem traditionellen Klangkörper oder einem Originalklang-Ensembles zu singen?
Bei den Philharmonikern war eine besondere Hingabe spürbar. Viele musizierten das Werk unter der Leitung von Franz Welser-Möst zum ersten Mal, andere hatten es zuletzt mit Harnoncourt gespielt, als mein Vater den Evangelisten sang. Das war schon etwas sehr Besonderes und Einzigartiges! Mit Raphaël, der so alt ist wie ich, und Pygmalion schaue ich auf ungefähr dreißig Passionsaufführungen und die Aufnahmen beider Bach-Werke zurück. Da gibt es eine Einheit von Vertrauen und gemeinsam erwünschter Wirkung, die ich unglaublich genieße und die mich zu höchster Intensität anspornt. Dabei spielt die Arbeit absolut auf Augenhöhe eine wichtige Rolle. Übrigens hat die Matthäuspassion von 2023 damals den Impuls für meine Schubert-Aktionen gegeben: Ich war während dieses Projektes zum ersten Mal im Geburtshaus in der Nußdorfer Straße und spürte, dass ich hier in Wien Schubert singen muss.
In Wien haben Sie zu Silvester das alte Jahr verabschiedet und das neue begonnen, mit dem anspruchsvollen Tenor-Part in Beethovens Neunter: Welche Bedeutung hat dieses Werk für Sie in unserer Zeit?
Die Gleichheit aller Menschen war vor 200 Jahren genauso eine Utopie, wie heute. Was aber heute erschwerend dazu kommt: Wir hätten so viel mehr Möglichkeiten, fairer zu verteilen. Es gibt von so vielem einen Überfluss – aber es haben zu wenige Zugang zu Bildung, zu Kultur, zu den noch wichtigeren Grundnahrungsmitteln und zu medizinischer Versorgung. Daher empfinde ich Beethovens Neunte vielmehr als Auftrag an uns alle als eine Bestätigung.
Konzerttipps
Pygmalion / Pichon
Bach: Matthäuspassion

Pygmalion / Pichon
Bach: Matthäuspassion

Klangmobile: Julian Prégardien / Eloïse Bella Kohn
