»Auch der Ring ist ein Karneval«

Tarmo Peltokoski
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Tarmo Peltokoski, das finnische Jahrhunderttalent, gastiert im Dezember mit seinem Orchester aus Hongkong im Wiener Konzerthaus und im Jänner mit seinem Orchester aus Bremen. Gerade probt er ganze sechs Wochen für eine neue »Zauberflöte« in Zürich. »Wir lassen uns Zeit, was mir sehr gefällt«, sagt der 26-jährige Überflieger

von Liz Reitter
Veröffentlicht: 23/10/26

Wagner – Die Wiege des Werdens
Man muss wissen, wo er herkommt, um ermessen zu können, wie weit sein künstlerischer Weg ist. Das Elternhaus war unmusikalisch, Klavierunterricht gab es erst mit acht, den hat er sich gewünscht. Er bekam musikalisch nichts geschenkt: »Ich musste alles selbst entdecken«, sagt er heute und hält das für seinen Vorteil. Mit elf weckt Wagner in ihm förmlich den Lebenssinn. Er versucht die Gesangslinien am Klavier nachzuspielen und realisiert: Zehn Finger sind zu wenig für diese Musik, es müssen hundert sein. Mit 14 nimmt ihn der legendäre Dirigentenmacher Jorma Panula als Privatschüler. Das erste Mal vor einem Orchester sei schrecklich gewesen – ein schüchterner Schüler vor lauter Profis. Drei, vier Jahre habe es gedauert, bis es sich gut anfühlte. Dann kommt die Pandemie: In diesem Ausnahmezustand studiert er »wie wahnsinnig« und tat sonst nichts. »Es war eigentlich schön.«

Der Rest ist Geschichte. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen lädt ihn mitten im Lockdown kurzfristig ein, ausgerechnet für Sibelius’ Vierte, die als sperrigstes Stück des kompostorischen Schaffens von Sibelius gilt. Zur Auflockerung spielte man zwischendurch die »Zauberflöten«-Ouvertüre, kurz darauf waren sie »verrückt nacheinander«. Er wird Erster Gastdirigent – der erste in der Geschichte des Orchesters – mit gerade mal 21.  

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen beschreibt er heute noch als die »Liebe meines Lebens«. Dazu kamen Leitungspositionen in Riga, Rotterdam, Toulouse und heuer Hongkong. Seinen ersten kompletten »Ring« dirigierte er schon mit 22 im ländlichen Eurajoki. »Eurajoki ist jetzt Finnlands Bayreuth«, sagte er damals verschmitzt lächelnd. Und siehe da – Hojotoho! – mit sensationellen 27 Jahren folgt das Debüt bei den Festspielen kommenden Sommer. »Persönlich bedeutet Bayreuth für mich absolut alles. Es ist alles, was ich immer wollte – mehr, als ich mir je hätte träumen können.« Im Juli begleitete er eine Woche lang Christian Thielemann bei den Proben zum »Ring«, um »die Luft einzuatmen und alles zu lernen, was möglich ist«. Mehr verrät er nicht: »Es ist eine Offenbarung, belassen wir es dabei.«

Aber bitte mit weniger Zucker 
Vor dem Grünen Hügel kommt Wien, und Peltokoski kommt mit Wagner in den Großen Saal – obendrein am 6. Dezember, dem finnischen Nationalfeiertag. Das Finnischste überhaupt sei übrigens der festliche Empfang im Präsidentenpalast: Millionen Menschen schauen hier via TV zu, es ist das Fernsehereignis des Jahres. Peltokoskis Ersatzprogramm im Wiener Konzerthaus: »The Ring. An orchestral adventure«, eine reine Orchesterfassung von Wagners Opernzyklus, arrangiert von Henk de Vlieger – fünfzehn Stunden Weltuntergang in einer, »doch in der Pause schaue ich kurz [in die Live-Übertragung des Empfangs im Präsidentenpalast] rein«. Was das Heimweh lindert: »Wien ist meine Lieblingsstadt!«

Den existenzstiftenden »Ring« sieht Peltokoski in Henk de Vliegers Orchestrierung. Die bekanntere Konkurrenzfassung sei ein Potpourri: »Wenn ich in ein Konzert gehe, will ich keine Ausschnitte hören.« De Vliegers dagegen habe aus dem Materialberg eine durchlaufende Erzählung geschaffen: »an orchestral adventure« sondergleichen. Ob dabei die Operninstinkte zum Zug kommen? »Das halte ich für entscheidend. Ein opernhaftes Gefühl braucht fast alles, und je länger ein Werk, desto mehr.« Wagner sei Architektur, betont er: »Fünfzehn Stunden vertragen nur eine bestimmte Anzahl an Höhepunkten. Wenn man diese in einer Stunde einfach hintereinander zusammendrückt, wird es schnell zu viel Zucker.« Also behandelt man die Sache wie eine Symphonie: In der Nibelheim-Szene, gleich nach den Es-Dur-Wellen des Vorspiels, dürfe man noch nicht zu viel geben, sonst sei es zu früh zu laut. Der Walkürenritt sei im Konzert eher eine Episode, und das Blech müsse sich zurückhalten – der Trauermarsch rückt erst 45 Minuten später heran. Lang werde die Stunde zweifellos niemandem, der die Tetralogie kennt: »Man vergleicht sie ja im Kopf mit dem großen Ganzen und wartet gespannt, was als Nächstes kommt.«

Der gewitzte Witz-Dosierer
Wer nach so viel Rationierung Unterzuckerung fürchtet: Das Amuse-Bouche wird noch vor der Pause serviert. Im »Karneval der Tiere« widmet sich Peltokoski neben Martin Helmchen seinem alten Steckenpferd, dem zweiten Flügel, und leitet von dort aus so wie Saint-Saëns bei der privaten Uraufführung 1886. Öffentlich zu hören war das Stück damals nicht: Der Schöpfer sperrte es weg aus Sorge um seinen Ruf als ernster Komponist und gab es erst im Testament frei. Peltokoski plädiert: »Man sollte es als Witz nehmen. Es ist nicht als ernstes Stück komponiert und ich habe es auch nicht so programmiert. Jeder kennt diese Musik, aber wann hat man sie zuletzt im Konzertsaal gehört?« Dass Humor Disziplin braucht, weiß er trotzdem. Guter Witz sei oft subtil: Erst wer den verlangsamten Offenbach-Cancan erkennt, versteht, warum das Zitat komisch ist [Anm. d. Red.: Saint-Saëns lässt im »Karneval der Tiere« den rasanten Cancan im Schneckentempo von »Schildkröten« spielen]. Überzuckern lässt sich auch ein Witz, etwa beim »Pianisten«-Satz, in dem Saint-Saëns die fehlerhaften Fingerübungen angehender Klavierspieler:innen parodiert: »Trägt man zu dick auf, kippt das Lustige schnell ins Peinliche. Auch hier also: dosieren«.

Kontrastprogramm? Nur auf den ersten Blick: »Wenn man den ›Ring‹ im Programm hat, ist es sowieso schwierig zu sagen, was man sonst noch spielen kann. Und zweitens ist der ›Ring‹ selbst so etwas wie ein ›Karneval der Tiere‹ – mit all den Göttern, Wassernymphen, Zwergen, dem Drachen, sprechenden Vögeln und was nicht allem.« Leuchtet ein – »Aber das ist auch ein Witz!«

Werke, die niemand hören sollte
An zwei Abenden im Jänner kehrt Peltokoski mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zurück und versammelt lauter anfangs ungeliebte Kinder. Trotz seines kritischen Verhältnisses zu Victor Hugos »Ruy Blas« schrieb Mendelssohn die Ouverture dazu und das in nur drei Tagen. Seine Fünfte, die »Reformations-Symphonie«, verwarf er später. Sie erschien erst postum als op. 107. Auch Schumanns Violinkonzert lag über achtzig Jahre unter Verschluss. Erst 1937 wurde es erstmals öffentlich aufgeführt – im Zuge der NS-Kulturpolitik, die nach dem Aufführungsverbot für Werke jüdischer Komponisten wie Mendelssohn nach einem Ersatz für dessen Musik suchte.  

Das Tüpfelchen vom Treppenwitz steckt in den Noten: Mendelssohns Fünfte zitiert das Dresdner Amen, aus dem Wagner ein halbes Jahrhundert später sein Gralsmotiv machte. Klingt dieselbe Formel bei beiden gleich fromm? Peltokoski, der heuer »Parsifal« an der Deutschen Oper Berlin dirigierte, gesteht: »Als hoffnungsloser Wagnerianer kann ich nicht aufhören, an ›Parsifal‹ zu denken.« Wobei Wagners Stück ein Gemisch aus Philosophien und sehr eigenen Ansichten über das Christentum sei, weit entfernt von Mendelssohns »ehrlichem Protestantismus«. »Am Ende geht es um die Musik als solche.«

Ein Orchesterbauer
Wien ist die achte und letzte Station von Peltokoskis erster Europatournee als Musikdirektor des Hong Kong Philharmonic Orchestra und zugleich dessen Wiener-Konzerthaus-Debüt. Hat sich das Proben verändert, seit er kein Gast mehr ist? Genau darum gehe es: »Ein Musikdirektor soll ein Orchesterbauer sein.« Zur Spontaneität, die er von Bremen kennt, sagt er: »Wir kommen tatsächlich dahin.« Je besser man einander kenne, desto weniger müsse der Dirigent reden, und dann beginne das Musizieren. »Je weniger der Dirigent spricht, desto mehr freut sich das Orchester.« Kopieren ließe sich Bremen nicht, und er wolle es auch gar nicht. Riga, wo er drei Jahre Chef war, sei ihm zum Zuhause geworden – für Hongkong hoffe er auf Ähnliches, »auch wenn es sehr weit weg und völlig anders ist«.

Vier Orchester, ein voller Kalender: der Traum jedes jungen Dirigenten. Er winkt ab: »Einsamkeit ist nicht attraktiv. Kontrolle ist nicht attraktiv. Verantwortung ist ganz sicher nicht attraktiv. Aber sonst könnte ich diese Musik nicht machen.« Neben seinem eigentichen Traumberuf als Dirigent, wäre für ihn auch der des Korrepetitors denkbar – man lerne im Opernhaus all das, wofür einem als Dirigent mit Karriere oft die Zeit fehle. Als Student improvisierte er mit Leib und Seele: »Das war mein Leben. […] Jetzt ist es irgendwo versteckt, aber ich will es zurückholen.« Vielleicht, räumt er ein, stecke es ohnehin im Dirigieren.

Tarmo Peltokoski in fünf »Sätzen«

Geboren: 
April 2000 in Vaasa

Studium: 
Privatschüler von Jorma Panula 2014–18, danach Sibelius-Akademie Helsinki bei Sakari Oramo (Dirigieren) und Antti Hotti (Klavier)

Durchbruch: 
Debüt bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen 2021

Ämter: 
Musikdirektor des Hong Kong Philharmonic Orchestra und des Orchestre 
national du Capitole de Toulouse, Erster Gastdirigent der Deutschen 
Kammerphilharmonie Bremen und des Rotterdams Philharmonisch Orkest, Ehrendirigent des Lettischen Nationalen Sinfonieorchesters 

Auszeichnungen: 
OPUS Klassik 2023, Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon seit 2023 als jüngster Dirigent der Labelgeschichte; Bayreuth-Debüt 2027

06/12/26
06/12/26
So, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Klavier Orchester

Hong Kong Philharmonic Orchestra / Helmchen / Peltokoski

€ 294256667985,–
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24/01/27
24/01/27
So, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester Solistisches

Die Deutsche Kammerphilharmonie / Frang / Peltokoski

€ 2955668296102,–
Vorverkauf für Mitglieder ab 02/11/2026 für alle verfügbar ab 09/11/2026
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25/01/27
25/01/27
Mo, 18.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester Solistisches

Die Deutsche Kammerphilharmonie / Frang / Peltokoski

€ 2955668296102,–
Vorverkauf für Mitglieder ab 02/11/2026 für alle verfügbar ab 09/11/2026
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