Dorothee Oberlinger – Die Zauberflötistin

Dorothee Oberlinger
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Als die Welt die Blockflöte längst in den Schlaf gewiegt hatte, wagte sie zu träumen. Dorothee Oberlinger hebt das unterschätzte Instrument aus seinem Schlummer in die Sphäre unerhörter Möglichkeiten

von Liz Reitter

Die Zauberflötistin
Dass ausgerechnet etwas, das Generationen von Schüler:innen als pädagogische Geduldsprobe galt, in ihren Händen zur Diva wird, grenzt an musikalische Alchemie. Dorothee Oberlinger lässt die Blockflöte jubilieren, flüstern, aufschreien, schmeicheln und hin und wieder auch mal durchatmen. Wie ein so genügsames Instrument sich zu solistischer Größe aufschwingen kann, hat mit Oberlingers eigenem Temperament zu tun: Virtuosität ist ihr Werkzeug, Witz ihr Treibstoff, Grenzüberschreitung ihr innerer Kompass. Was andere für ein Einsteigerinstrument halten, erhebt sie zur Weltenwanderin. Als sie mit fünf Jahren ihre erste Blockflöte geschenkt bekommt, beginnt eine Zeitreise, die bis heute andauert.

Alte Musik lebendig
Die vielfach ausgezeichnete Flötistin, Dirigentin, Festivalintendantin und Professorin hat eine klare Haltung: Alte Musik darf stauben, aber bitteschön nur im Archiv. Auf der Bühne muss sie leben, von und zu Herzen sprechen. Dabei ist Oberlinger tief verwurzelt in der historischen Aufführungspraxis. Studiert hat sie bei Großmeistern der Zunft wie Günther Höller, Walter van Hauwe und Pedro Memelsdorff. Sie kennt die deutschen und niederländischen Schulen wie ihre eigene Notentasche und spricht von barocker Rhetorik, als sei sie bei Telemann persönlich zum Tee geladen gewesen.

Doch so fest die Wurzeln greifen: Ihre Kunst wächst in die Gegenwart. Von der steifen Kammermusik-Sitzhaltung hält Oberlinger wenig, sie spielt mit vollem Körpereinsatz und einem Bein gefühlt schon auf der Tanzfläche. Ihr Erfolgsgeheimnis: das Zwischen-die-Zeilen-Hineinfühlen. Nur fünfzig Prozent der Musik sei niedergeschrieben, vermittelt sie ihren Student:innen, der Rest müsse erspürt werden. Ihre Interpretationen lässt sie improvisieren, geradezu pulsieren vor Leben. Kein Wunder also, dass bei ihrer Darbietung selbst mittelalterliche Partituren offene Partytüren einrennen.  

Dance for two
Am 2. März beglückt sie das Wiener Konzerthaus erneut und beschließt ihren Porträtzyklus mit einer ungewöhnlichen Liaison: Blockflöte trifft Bratsche – und alle höfische Etikette geht flöten. »Dance for two«, ihr Duo-Programm mit Nils Mönkemeyer, spannt den Bogen (traditionsgemäß leicht und mit Darmsaiten, wohlgemerkt) von Hildegard von Bingen bis John Cage, von der Klangaskese zur Klangekstase, von barocker Tanzwut bis zur kontemplativen Avantgarde. Zwei Instrumente, die sich in ihrem Facettenreichtum kongenial ergänzen, getragen von zwei Virtuos:innen, die keine Schublade kennen, nur offene Türen. Wenn Oberlinger ihre Flöte hebt, wird diese zum Zauberstab, der alte Zeiten heraufbeschwört und zugleich eine neue Ära antönt. Bloß, die Zauberflöte alleine reicht ihr nicht, am liebsten wünsche sie sich »Beamen« als Superkraft. Aber, Frau Oberlinger, seien wir realistisch: Sie können es doch längst.

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Konzerttipp

02/03/26
02/03/26
Mo, 19.30 Uhr ∙ Mozart-Saal
Alte Musik & Originalklang Kammermusik

Dorothee Oberlinger / Nils Mönkemeyer

»Dance for two«

293847576670,–
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