Gustav Mahler und die Literatur

Gustav Mahler
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Bücher hat er nach eigener Aussage »mehr und mehr« »gefressen«, hat sein Leben lang begeistert und intensiv über seine Lektüre gesprochen, und er hat Literatur komponiert: Texte von Tirso de Molina bis Hans Bethge, von Nietzsche bis Rückert, vom »Wunderhorn« bis zur mittelalterlichen Sequenz­lyrik. Wer Mahlers Musik näher kommen will, kann um sein Verhältnis zur Literatur keinen Bogen machen

von CHRISTIAN GLANZ

Das Interesse für Literatur erwachte bei Mahler früh. Für den unternehmerisch tätigen Vater war, wie für viele seiner Generation, die deutsche Literatur wohl ein Teil seiner Bemühung um Integration und Akzeptanz. Gustav Mahlers Auseinandersetzung mit Literatur betraf zunächst auch diesen Kanon, ging aber schnell weit darüber hinaus. Das zeigt sich sowohl an der intensiven Beschäftigung mit der Literatur der Romantik, namentlich E. T. A. Hoffmann und ganz besonders Jean Paul, als auch im großen Interesse an den Romanen Fjodor Dostojewskijs.

 

Jean Paul
Jean Pauls Roman »Titan« steht in Zusammenhang mit der 1. Symphonie. Es ist hier zwar keine direkte Bezugnahme auf den Inhalt im Sinn programmatischen Komponierens gegeben, jedoch erscheint der Name »Titan« im Programm der zweiten Aufführung der Symphonie am 27. Oktober 1893 in Hamburg ausdrücklich als Werktitel. Die ersten drei Sätze heißen hier »Blumen-Frucht- und Dornstücke«, ein weiterer deutlicher Hinweis auf Jean Paul, in diesem Fall auf dessen Roman »Siebenkäs«. Die Verweise auf Literarisches hat Mahler bei der Aufführung der Symphonie 1894 in Weimar noch beibehalten, danach aber darauf verzichtet. Seit 1896 besteht die Symphonie aus vier Sätzen und 1901 hat Mahler jegliche Programme zurückgezogen. 

Ein wesentlicher Aspekt der Auseinandersetzung mit Jean Paul zeigt sich bei Mahler in der Übernahme von dessen Begriff von »Humor«, wie er in der »Vorschule der Ästhetik« erscheint und sich vor allem als das »umgekehrt Erhabene« manifestiert. Das Erhabene war ja in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung. Es betraf nicht nur positiv Affirmatives, sondern dezidiert auch »Gewaltiges« und »Ehrfurchtgebietendes«, bis hin zu »Schrecken« und »Schaudern«. Die Umkehrung des Erhabenen generierte daher auch weit mehr als »nur« Humor im landläufigen Sinn, sie öffnete ein weites Bezugsfeld von Ironie, Sarkasmus, Groteske und Satire. Diese Art von Humor kennzeichnete einen großen Teil von Mahlers bevorzugter Literatur, beispielsweise Laurence Sterne, dessen »Tristram Shandy« er sehr geschätzt hat, auch den »Don Quijote« des Cervantes bis zurück zu den Satirikern der Antike. Die Vielschichtigkeit und auch die Abgründe des so verstandenen Humors spielen in den Werken ­Mahlers eine Schlüsselrolle, gänzlich frei davon ist wohl nur die 8. Symphonie.

Johann Wolfgang von Goethe
Welche Arten von Literatur hat Mahler nun aber »vertont«? Hier fällt zunächst auf, dass von den »Olympikern« der Literatur niemand auftaucht, mit Ausnahme von ­Goethe; für den zweiten Satz der 8. Symphonie hat ­Mahler den Schluss des zweiten Teils des »Faust« gewählt. Goethes Text reagiert hier auf einen gänzlich anderen im ersten Satz, nämlich die lateinische Pfingstsequenz »Veni creator spiritus«. Was beide Texte verbindet, ist das zentrale Thema der »allumfassenden« Liebe, somit ein Symbol für den universalen Anspruch der Symphonie.

Des Knaben Wunderhorn
Gänzlich anders war die Literatur, mit der sich Mahler im Zusammenhang mit seiner Liedkomposition beschäftigt hat. Dabei ist zunächst der »Wunderhorn-Komplex« zu betrachten. Die Sammlung »Des Knaben Wunderhorn«, deren erster Band 1805 erschien, ist dafür namensgebend. Achim von Arnim und Clemens Brentano haben damit eine Anthologie von deutscher Volksdichtung vorgelegt, die breite Aufmerksamkeit gefunden hat. Dabei handelt es sich nicht zur Gänze um aufgefundene und »anonyme« Dichtung, nicht wenige Texte wurden erst für die Sammlung geschrieben und die Herausgeber haben beträchtliche Eingriffe vorgenommen. Goethe hat das in seiner Rezension auch angesprochen: »Diese Art Gedichte, die wir seit Jahren Volkslieder zu nennen pflegen, ob sie gleich eigentlich weder vom Volk, noch fürs Volk gedichtet sind, […] sind so wahre Poesie, als sie irgend nur sein kann.«

Mahler entnahm dem »Wunderhorn« Texte sehr unterschiedlichen Inhalts, von Liebesliedern über Humorvolles bis hin zu den »Soldatenliedern«, hier mit einem ganz deutlichen Schwerpunkt auf Inhalte, die dem damaligen Heroismus gar nicht entsprechen. Die »Wunderhorn-Lieder« sind wichtig für Mahlers Musiksprache über das Lied hinaus, einige davon sind auch in Symphonien eingebaut worden (etwa »Des Antonius zu Padua Fischpredigt« als Basis für das Scherzo der 2. Symphonie, Urlicht als vierter Satz der Zweiten, »Ablösung im Sommer« als Hauptmaterial des Scherzos der 3. Symphonie und »Das himmlische Leben« als vierter Satz der Vierten).

Außerdem findet sich das »Wunderhorn« auch über die sogenannten »Wunderhorn«-Symphonien (2 bis 4) hinaus; so finden wir Zitate und Anklänge, beispielsweise »Lob des hohen Verstands« im Finalsatz der Fünften und ­»Revelge« im ersten Satz der Sechsten. Mahler hat in die zu »vertonenden« Texte eingegriffen, einige Kompositionen basieren zudem auf eigener Dichtung, etwa die frühe Kantate »Das klagende Lied« oder der Zyklus »Lieder eines fahrenden Gesellen«.

Friedrich Rückert und Hans Bethge
Auf das »Wunderhorn« folgte 1901 die Wendung zur Dichtung von Friedrich Rückert (1788–1866). Zwar üblicherweise nicht der ersten Reihe im literarischen Pantheon zugeordnet war Rückert ein vielgelesener und vor allem extrem vielseitiger Autor, selbst mit zahlreichen Sprachen und Kulturen bestens vertraut, so beherrschte er unter anderem Persisch, Arabisch und Sanskrit. Sprachliche Virtuosität und das Spiel mit Sprachklängen und Wortbedeutungen war ein wichtiger Aspekt in Rückerts Dichtung und für Mahler besonders interessant.

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Der Zyklus der »Kindertotenlieder« ist durch höchste Differenzierung in Ausdruck und Instrumentation gekennzeichnet. Anklänge an diesen Zyklus finden sich darüber hinaus in den Symphonien 5 bis 7. Zusammen mit einigen weiteren Rückert-Vertonungen waren die »Kindertotenlieder« übrigens das einzige (!) Hauptwerk Mahlers, das zu seinen Lebzeiten in Wien uraufgeführt wurde (29. Jänner 1905), wenn man vom kaum beachteten Frühwerk »Das klagende Lied« absieht.

Die sogenannten »Rückert-Lieder«, wiederum insgesamt fünf Lieder, stellen im Gegensatz zu den »Kindertotenliedern« keinen eigentlichen Zyklus dar. Auffällig sind hier einerseits der Aspekt der Musikalisierung von Wortsinn und Sprachvokalen (»Ich atmet’ einen linden Duft«), andererseits eine ganz spezielle, oft gänzlich unübliche Instrumentierung für jedes einzelne Lied. Mahler hat damit die Liedkomposition des 20. Jahrhunderts wesentlich mitgeprägt. »Ich bin der Welt abhanden gekommen« nimmt einen besonders wichtigen Platz ein; unverkennbar von den Ideen Schopenhauers getragen steht das Lied in deutlicher Nähe einerseits zum Adagietto der 5. ­Symphonie, andererseits zum »Lied von der Erde« und Mahler hat es offensichtlich als direkten Ausdruck seiner Persönlichkeit verstanden.

»Das Lied von der Erde« (1908) basiert schließlich auf altchinesischer Lyrik in Form von »Nachdichtungen« von Hans Bethge (1876–1946). Exotismus spielt hier nur an der Oberfläche eine Rolle, zentral sind die grundsätzlichen Fragen der Existenz, das Thema Einsamkeit und schließlich – wiederum im Sinne Schopenhauers – das Erreichen einer abgeklärten Haltung der »Welt« gegenüber. 

15/03/26
15/03/26
So, 11.00 Uhr ∙ Großer Saal
Chor, Oratorium & Oper Orchester

Wiener Symphoniker / Popelka

Mahler: Symphonie Nr. 3

25375164758795102,–
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16/03/26
16/03/26
Mo, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester

Wiener Symphoniker / Popelka

Mahler: Symphonie Nr. 3

25375164758795102,–
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16/04/26
16/04/26
Do, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester

Wiener Philharmoniker / Rattle

Mahler: Symphonie Nr. 9

416490117140163178193,–
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