In der neuen Welt

Mit seiner Symphonie »Aus der Neuen Welt« betrat Antonín Dvořák buchstäblich Neuland. Sie sicherte dem Komponisten aus Böhmen einen besonderen Platz in der Musikgeschichte
von David VondráčekBöhmische Künstler:innen in Amerika
Ema Destinnová, Rudolf Friml oder Bohuslav Martinů – das sind nur drei Beispiele für Böhm:innen in Amerika. Destinnová war vielleicht eine der größten tschechischen Stimmen. Unter dem Namen Emmy Destinn sang sie an der Met an der Seite Enrico Carusos. Der ebenfalls aus Böhmen stammende Friml, mit dem ihr eine Affäre nachgesagt wurde, war als Komponist am Broadway tätig. Gänzlich andere Gründe führten Bohuslav Martinů während des Zweiten Weltkriegs in die Staaten. Paris, wo er von 1923 bis 1941 gelebt hatte, wurde mittlerweile von den Nationalsozialisten bedroht, die seine Musik verboten. Von der Zeit des Komponisten in den USA, 1941 bis 1953, zeugen seine Symphonien.
Dvořák in New York
Mit Antonín Dvořák hatte Martinů einen Vorgänger im 19. Jahrhundert, wenn auch die Umstände für diesen glücklicher waren. Dvořák wurde 1841 im zentralböhmischen Nelahozeves geboren und erhielt seine Ausbildung am Institut für Kirchenmusik in Prag (später Orgelschule genannt). Sein Ruhm als Komponist hatte einen ersten Höhepunkt erreicht, als er der Einladung der Mäzenin Jeanette Thurber nach New York folgte. Am dortigen Konservatorium übernahm er von 1892 bis 1895 nicht nur Kompositionsstunden, sondern auch die Direktion, was ihm und seiner Familie eine lebenslange finanzielle Absicherung einbrachte.
In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts hatte er auf England gesetzt und die Insel mehrmals besucht. Dort dirigierte Dvořák unter anderem die Uraufführung seines Requiems. Der Schritt über den Atlantik erscheint daher als logische Folge.
Die »Neue Welt«
In Dvořáks ersten Eindrücken nach der Ankunft dominiert die Schilderung der schieren Größe. Bald macht er sich an die Arbeit an der Symphonie Nr. 9 »Aus der Neuen Welt«, deren Uraufführung in der Carnegie Hall am 16. Dezember 1893 zum Triumph wird. Alles an diesem Werk ist von einer besonderen Strahlkraft. Über die Inhalte und Inspirationen der rein instrumentalen Musik streiten seither Generationen.
Im sehnsuchtsvollen zweiten Satz meinen einige, die Weite der nordamerikanischen Landschaft zu erkennen. Diese beschrieb Dvořák später während eines Sommeraufenthalts im Bundesstaat Iowa: »Es ist hier seltsam. Wenige Menschen und viele leere Flächen. Ein Bauer ist vom nächsten vielleicht vier Meilen entfernt, besonders in den Prärien. Man ist froh, wenn man die unzähligen Reihen von Vieh erblickt, die Sommer wie Winter draußen auf den weiten Flächen stehen und weiden. Und so ist hier alles sehr wild, manchmal sogar sehr traurig, sodass man fast verzweifeln könnte.«
Alle musikalische Kühnheit wird in Dvořáks 9. Symphonie durch eine feste Form aufgefangen, wozu die Rekapitulation der Themen im Schlusssatz beiträgt. Obwohl auch motivisch-thematisch gearbeitet wird, stehen doch meist die Melodien für sich, können sich aussingen. Es ist im Grunde eine Parade der Themen, den Paraden des Kolumbus-Festes, das der Komponist bei seiner Ankunft auf dem Kontinent erlebte, nicht unähnlich. Für Dvořák selbst stand der amerikanische Einfluss jedenfalls fest, und jeder, der den Sinn (»eine Spürnase«) dafür hat, müsse ihn erkennen.
Wiener Symphoniker / Sumino – Cateen / Popelka
Dvořák: Symphonie Nr. 9 »Aus der Neuen Welt«
