Kammermusik und Selbstfindung

Augustin Hadelich
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Der Porträtkünstler Augustin Hadelich gestaltet mit Seong-Jin Cho ein Duo-Rezital mit romantischen und modernen Violinsonaten. Kammermusik gehört für die beiden Virtuosen wesentlich zu ihrer musikalischen Genese

von Martin Wilkening
Veröffentlicht: 24/09/26

»Lieben Sie Brahms?« heißt ein einstmals berühmter und auch prominent verfilmter Roman von Françoise Sagan. Damit spricht er mehr an als eine bloße Geschmacksorientierung. Die Frage zielt auf Verständigung, auf Resonanz. Und in der Antwort, so sie positiv ausfällt, schwingt unweigerlich etwas Bekenntnishaftes mit, etwas, das Musik und Leben gleichermaßen berührt, in der Suche nach Tiefe und Identität, in der Erfahrung von Schönheit aus Komplexität, in einer Melancholie, die alle Aktivität grundiert und wie eine innere Verpflichtung zur Verantwortung wirkt. 

Sowohl für Augustin Hadelich als auch für Seong-Jin Cho gehören die Brahms-Konzerte für ihr Instrument zum Kern ihres Repertoires, auch in der laufenden Spielzeit. Hadelich hat darauf hingewiesen, wie sehr sein Verständnis des Brahms-Konzerts durch die Erfahrung mit dessen Kammermusik gewachsen ist: »Nachdem ich diese gespielt hatte, merkte ich, dass ich das Violinkonzert ganz anders spielte«, sagte er jüngst in einem Interview und schlug dabei auch einen Bogen zur Bedeutung des Kammermusikspiels überhaupt für seine Selbstfindung als Musiker. Ihm sei vor allem durch die ­Kammermusik klar geworden, wie erfüllend ein Leben als Musiker sein kann, »und dass die Freude, die ich von der Musik bekomme, die Zeit und Mühe überwiegt, die ich hineinstecke«. Vor diesem Hintergrund wirkt es umso berührender, wenn man sich auf Hadelichs Youtube-Kanal all die Videos anschaut, die er in der Zeit der Isolation während der Pandemie mit sich selbst an Violine und Klavier im Duo produziert hat.

Die Erfahrung der Doppelbegabung mit dem jeweils anderen Instrument teilt auch Seong-Jin Cho, der als Kind bei der Entscheidung zwischen Klavier und Geige schwankte. Seit 2024 musizieren Hadelich und Cho zusammen. Cho hatte seit seinem Erfolg beim Chopin-Wettbewerb 2016 zunächst wenig Raum für intensives Kammermusikspiel gefunden, und das innere Bedürfnis danach wuchs in seiner Beschäftigung mit der Klaviermusik von Brahms: »Meine Liebe zu den Werken von Brahms war der eigentliche Grund, warum ich mehr Kammermusik spielen wollte. Ich möchte unbedingt die 1. Violinsonate von Brahms spielen«, erklärte Cho zu einem Zeitpunkt, als die Zusammenarbeit des Duos sich gerade angebahnt hatte. 

Brahms’ 1. Violinsonate trägt den Beinamen »Regensonate« – wegen des Selbstzitats eines Klavierlieds, dessen lyrisches Ich an einem Regentag verklärend auf die Zeit der Kindheit zurückblickt. Ihr instrumentaler Dialog ist weniger dramatisch angelegt als in den zwei anderen Brahms-­Sonaten, vielmehr auf einschwingende Resonanz gerichtet, lyrisch fein versponnen, »wie mit Silberfäden«, wie ein Brahms’-Freund seinerzeit bemerkte. Konfliktreich aufgeheizt, oft sprunghaft überraschend entwickelt sich die darauffolgende Violinsonate Leoš Janáčeks. 

Die zweite Hälfte des Programms ist spielerischer angelegt. Sie beginnt mit der »Romance«, die die damals 26-jährige amerikanische Komponistin Amy Beach 1893 schrieb, auf der Weltausstellung in Chicago uraufführte und sogleich veröffentlichen konnte. Und mit Prokofjews groß dimensionierter 2. Sonate, die der Komponist auf Anregung von David Oistrach von einer Flötensonate zu einem mit Doppelgriffen und virtuosen Pizzicati glänzenden, humoristisch-geistvollen Konzertstück für Violine umarbeitete, schließt dieses Duo-Rezital in einem wirkungsvollen Gegensatz zu der Versponnenheit seines Beginns. Es ist Vielfalt voller Beziehungsreichtum, die nicht nur den Musikern, sondern auch den Zuhörenden einen Raum öffnet, um sich besser kennenzulernen. 

11/11/26
11/11/26
Mi, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Kammermusik Klavier

Augustin Hadelich / Seong-Jin Cho

€ 294254647783,–
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