Klavierkonzerte im Wandel der Zeit

Durch die Jahrhunderte hinweg hat der Klang der Tasten die Musikschaffenden beflügelt und zu brillanten Klavier- konzerten inspiriert. Einigen markanten Werken der Gattung von Mozart bis Prokofjew bereitet das Wiener Konzerthaus im März 2026 die Bühne
von Miriam WeissEin Dialog
Ein Konzert ist wie eine Beziehung: Mal harmoniert es, dann knirscht es. So repräsentieren die zwei gegensätzlichen Bedeutungen des Verbs concertare – lat. »kämpfen«, ital. »übereinstimmen« – eine lebensnahe Praxis, die in der Gattung Konzert aufs Schönste zum Klingen gebracht wird, denn im Grunde geht es hier um den Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester. Das klassische, sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herausbildende Solokonzert ließ sich von Vorbildern wie den Concerti grossi Corellis ebenso inspirieren wie von den dreisätzigen Solokonzerten Vivaldis. Johann Sebastian Bach schließlich lockte speziell das Tasteninstrument aus seiner im Hintergrund verrichteten Aufgabe, das harmonische Fundament als Continuo-Instrument zu stützen, und rückte es ins solistische Rampenlicht.
Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart führte all diese Einflüsse kunstvoll in der Gattung Klavierkonzert zusammen. Gleich drei von Mozarts pianistischen Meisterstücken wird Grandseigneur Rudolf Buchbinder spielen und dabei, wie Mozart es selbst zu tun pflegte, das Orchester vom Klavier aus leiten. Im Programm hat Buchbinder das A-Dur-Konzert K 488, das 1786 für die von Mozart in Eigenregie organisierten Wiener Akademiekonzerte entstand, und das B-Dur-Werk K 595, das er vermutlich im März 1791 bei seinem letzten Auftritt als Pianist spielte. Als krönender Abschluss erklingt das Konzert C-Dur K 467, dessen Andante zum melodisch Magischsten gehört, was der Salzburger je komponierte.
Johannes Brahms
»So schön wie Mozart können wir heute nicht mehr schreiben, was wir jedoch tun können, das ist: uns bemühen, ebenso rein zu schreiben, als er schrieb.« Johannes Brahms formulierte die Zwickmühle, in der er sich auch selbst befand: vom Vorbild zu lernen und sich gleichzeitig davon zu emanzipieren. Doch war es vor allem Beethoven, an dem sich Brahms fast bis zum kreativen Burn-out abarbeitete. Nach einigen Krisen fand er seinen eigenen Weg – nicht in der Entwicklung neuer, sondern in der originellen Anverwandlung tradierter Formen. In Brahms’ 1881 entstandenem Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 zeigt sich dies im symphonischen Zuschnitt des Werks. Das opulente viersätzige Konzert beeindruckt vor allem durch die klangliche Ausgewogenheit zwischen Klavier und Orchester. Khatia Buniatishvili, die feinste musikalische Zwischentöne mit ihrem Publikum teilt, wird es unter ihre Fittiche nehmen.
Camille Saint-Saëns
Auch Camille Saint-Saëns orientierte sich mit seinen fünf Klavierkonzerten eher am Modell des symphonischen Konzerts. Solistische Virtuosität war nicht Selbstzweck, sondern immer eingebettet in das vom gesamten Klangkörper getragene Konzept der motivisch-thematischen Arbeit. Saint-Saëns’ letztes Klavierkonzert Nr. 5 F-Dur op. 103 entstand 1896, im Jahr seiner inspirierenden Reise nach Kairo und Luxor. Lucas Debargue, der sich innerhalb kürzester Zeit an die pianistische Weltspitze spielte, wird dieses Konzert, das wegen seines orientalisch anmutenden zweiten Satzes auch unter dem Beinamen »das Ägyptische« bekannt ist, gemeinsam mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien aufführen.
Sergej Rachmaninoff
Nach dieser klingenden Fernreise streifen wir kurz die Welt des Kinos: Der Verlagsmanager Richard Sherman (gespielt von Tom Ewell) sitzt am Klavier, spielt den Anfang des Klavierkonzerts Nr. 2 c-moll op. 18 von Sergej Rachmaninoff und fantasiert sich die namenlose Frau, die seit kurzem seine Nachbarin ist, als Femme fatale herbei. Nun hat Marilyn Monroe als »Erscheinung«, die bei Shermans Klavierspiel erotische Gelüste bekommt, ihren legendären Auftritt. Natürlich ist diese Szene aus Billy Wilders Klassiker »Das verflixte 7. Jahr« gnadenlos überspitzt, doch sie hat dazu beigetragen, dass man die Musik des großen Russen pauschal in die zuckersüße Kitschschublade packte – gekrönt mit dem Zweiten Klavierkonzert als Schlagobers.
Entledigt man das 1900/01 entstandene Werk seines nachträglich aufgebrachten Flitters, kann man es als Dokument seiner Zeit betrachten. Dies beherzigt auch Anna Vinnitskaya, die für ihre Gestaltungskraft und ihr nuancenreiches Spiel gefeiert wird. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs repräsentierte die Musik Rachmaninoffs jenes zwiespältige Lebensgefühl des »Fin de siècle«, das von einer diffusen Mischung aus hoffnungsvollem Aufbruch und Zukunftsangst, Endzeitstimmung und Weltschmerz geprägt war. Das sich hartnäckig haltende Bild Rachmaninoffs als spätromantisch schwelgender Tonschöpfer vernachlässigt jedoch den wichtigen Aspekt, dass sich der Russe in den 1930er-Jahren einer sachlichen und entschlackten Tonsprache annäherte.
Sergej Prokofjew
Die scharfzüngige Perkussivität, die Rachmaninoffs Landsmann Sergej Prokofjew dem Flügel angedeihen lässt, widersteht von vornherein jeder romantisierenden Versuchung. Unter Prokofjews fünf brillanten Tastenstreichen gilt das zwischen 1917 und 1921 entstandene Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26 als das populärste. Motorische Energie, harmonische Schärfe, volksliedhafte und lyrische Elemente sind darin wunderbar ausbalanciert. Mit auf diese originelle Klangreise nimmt uns Alexandre Kantorow, der 2019 als erster französischer Pianist den renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb gewann.
Konzerttipps
Orchestre de la Suisse Romande / Buniatishvili / Nott

ORF Radio-Symphonieorchester Wien / Debargue / Schwarz

Orchestre de Paris / Vinnitskaya / Mäkelä





