Komponiertes Lachen

Vom mittelalterlichen Osterlachen zu Johann Sebastian Bachs Osterwerken: Ein Blick auf vergessene Bräuche und einen konfessionellen Schlagabtausch
von MATTHIAS GUSCHELBAUERHeute kaum mehr bekannt, war der Brauch des sogenannten Osterlachens seit dem Mittelalter in ganz Europa verbreitet: Der Pfarrer füllte seine Predigt am Ostersonntag mit Gedichten, Geschichten, Fabeln oder Mären, die zum Lachen anregen sollten. Ziel war es, die Trauer und Betrübtheit der Fastenzeit und der Karwoche hinter sich zu lassen und den Menschen Freude und Trost zu schenken. Darüber hinaus diente das Osterlachen aber auch pragmatischen Zwecken: Es sollte die Aufmerksamkeit der Messbesucher:innen wecken und sie gewissermaßen aufrütteln.
Streit um die Angemessenheit
Dieses Brauchtum des Ostermärleins mit anschließendem Osterlachen rief jedoch bereits in der Reformationszeit laute Kritik hervor – insbesondere wegen der teils obszönen und profanen Inhalte mancher Geschichten, die als der Liturgie unangemessen galten. Zugleich belegen zeitgenössische Quellen, dass viele dieser humorvollen Erzählungen sehr wohl einen moralischen Kern besaßen – nur eben in einer für das Volk leicht verständlichen, unterhaltsamen Form. Jedenfalls machten daraufhin katholische Prediger wiederum manche Reformatoren zur Zielscheibe ihrer Scherze in der Ostermesse, das Osterlachen wurde zunehmend zum konfessionellen Streitpunkt.
Freude über die Auferstehung
Johann Sebastian Bach dürfte diesen zu seiner Zeit nur noch im katholischen Raum gepflegten Brauch gekannt haben, nicht zuletzt durch die verbreitete öffentliche Kritik evangelischer Geistlicher. Zwar griff die lutherische Kirche das Osterlachen nicht als liturgische Praxis auf, erkannte aber ebenso die österliche Freude über die Auferstehung Christi als zentrales Element des Festes an – und damit auch das Lachen als Ausdruck dieser Freude. Besonders eindrücklich wird dies in Bachs Oster-Oratorium BWV 249, wo es gleich im Eingangschor heißt: »Lachen und Scherzen / Begleitet die Herzen, / Denn unser Heil ist auferweckt.« Die Musik greift diesen Text mit lebhaften Melismen in schnellen Notenwerten auf, die geradezu lautmalerisch an Gelächter erinnern.
Wenn der Himmel lacht
Auch die Kantate »Der Himmel lacht, die Erde jubilieret« BWV 31 stellt das Lachen gleich zu Beginn in den Mittelpunkt – erneut mit klanglichen Gesten, die jubelnde Ausgelassenheit vermitteln. Die festlichen instrumentalen Einleitungen beider Werke, geprägt von Trompeten und Pauken, unterstreichen diesen Charakter und heben das Osterfest als musikalisches Ereignis von besonderem Glanz hervor. Das dritte Werk des Abends, die deutlich weniger freudige Kantate »Bleib bei uns, denn es will Abend werden« BWV 6, wurde für den Ostermontag komponiert. Im Gegensatz zu den beiden anderen Werken, die für den Ostersonntag bestimmt sind, fehlt hier das Lachen in Text und Musik vollständig – auch traditionell blieb es dem Ostersonntag vorbehalten.
Jubel über das neue Leben
Bachs Musik erscheint vor diesem Hintergrund als eine protestantische, musikalische Entsprechung des Osterlachens – nicht als humorvolle oder witzige Pointe, sondern als klanggewordene Gewissheit des überwundenen Todes. Wenn im Eingangschor von »Der Himmel lacht, die Erde jubilieret« die Freude gleichsam aus allen Stimmen hervorbricht oder im Oster-Oratorium das »Lachen und Scherzen« musikalisch Gestalt annimmt, dann wird Ostern nicht nur erzählt, sondern sinnlich erfahrbar gemacht. Die Musik übernimmt hier jene aufrüttelnde Funktion, die einst das Ostermärlein erfüllte: Sie richtet den Blick der Zuhörenden weg von der Trauer – und öffnet ihn für Freude, Bewegung und neues Leben.
Konzerttipp
The Constellation Choir & Orchestra / Gardiner
Bach: Oster-Oratorium
