Kunst braucht Zeit

Ivo Pogorelich am Klavier
von ISABEL NEUDECKERNarrative schreiben sich häufig fest – und überdauern lange Zeitspannen. Seit die sozialen Medien das Tempo neu nachströmender Narrative deutlich erhöht haben, wirkt es beinahe wie aus der Zeit gefallen, sich eines Musikers zu besinnen, dessen Aufstieg lange vor zeitgenössischen Instagram-Hypes lag. Ivo Pogorelichs Ésprit ist seither eine Konstante des Klavierolymps – wie ein moderner Mythos.
Von Jubiläen und Traditionen
2018/19 feierte der in Belgrad als Sohn eines Kontrabassisten geborene Pogorelich nicht nur seinen sechzigsten Geburtstag, sondern auch das vierzigjährige Bühnenjubiläum: eine Laufbahn, außergewöhnlich von Beginn an. Auf seine eigene pianistische »Genealogie« legt der Künstler großen Wert, schließlich hat diese Tradition etwas »zu erzählen«: Aliza Kezeradze, Pogorelichs Klavierlehrerin, die im Laufe seines Lebens zur festen Größe an seiner Seite wurde, knüpfte gleich an zwei berühmte Traditionen an: einerseits an die russische Klavierschule des späten 19. Jahrhunderts, andererseits an das Virtuosentum Franz Liszts. Kezeradzes Lehrer Alexander Siloti verkörperte als Liszt-Schüler beides in Personalunion. Der junge, ungemein begabte Pogorelich hatte also große Chancen, von den Besten zu lernen und auf legendäre Traditionen zurückzugreifen. So waren es in der pianistischen Generationenfolge zu Liszt drei Personen, zu Beethoven – wie Pogorelich einmal erwähnte – sieben.
Ein »Kairos«-Moment
Als einer der bedeutendsten Zeitpunkte in seiner damals jungen Karriere galt jener Moment, als eine Frau im wahrsten Sinne des Wortes für ihn aufstand: Als der Himmelsstürmer Pogorelich 1980, damals 22 Jahre alt, nicht in die Finalrunde des Warschauer Chopinwettbewerbs kam und Martha Argerich darob erbost die Jury verließ. Für Pogorelich wurde dies zu einem »Kairos«-Moment seiner Karriere: zu einem Augenblick, in dem sich der Lauf der Dinge wesentlich ändert. Denn für ihn erwies sich der Wettbewerbsausgang in keiner Weise als beeinträchtigend – er eroberte nicht trotz, sondern wegen seiner originellen Chopin-Interpretationen die großen Konzertpodien Europas und Amerikas.
Chopin über alles – und noch mehr!
Dem polnischen »Sänger am Klavier« Frédéric Chopin blieb Pogorelich sein Leben lang treu. Seit den 1980er-Jahren reiht sich eine sorgfältig überlegte Album-Veröffentlichung an die nächste, mit wohlausgesuchtem Repertoire und Ausdeutungen, die »etwas zu sagen« haben: dies auch zu Bach, Scarlatti, Haydn, Brahms, Liszt, Mussorgski und Rachmaninoff. Ähnlich dem verehrten Chopin verfolgte Pogorelich eine Laufbahn, die abseits geläufiger Pfade war: Chopin reüssierte mit seiner Musik in kleinen Salons anstelle großer Konzertsäle; Pogorelich hingegen macht mittels seiner Kunst den Großen Saal zum Salon einer musikaffinen Gemeinschaft, in dem man die berühmt-berüchtigte Stecknadel fallen hören könnte. Bei ihm ist ab dem ersten Ton klar: Hier spielt ein Pianist, der das »Genie-Narrativ«, das ihn seit Jahrzehnten begleitet, gar nicht nötig hat.
Ecken und Kanten
In einem Interview postulierte Pogorelich, der lange an seinen Programmen und Veröffentlichungen arbeitet: »Kunst braucht Zeit.« Diese braucht nicht nur der Künstler, wenn er an Nuancen feilt, große Linien zeichnet – auch das Publikum muss sich beim Hörerlebnis auf diese bezwingende Originalität einlassen. »Hohe Kunst hat eine Eigenschaft: Sie ist grausam, sogar mir gegenüber«, so der Pianist. Seine Annäherungen sind niemals gefällig, oftmals überraschend, irritierend und vor allem: neu. So fördert er bei Chopins Mazurken Ecken und Kanten zutage, lässt Unaussprechlich-Abgründiges und zugleich Zartes in Mozarts Fantasie c-moll K 475 an die Oberfläche kommen. Erstmals im Wiener Konzerthaus ist der Pianist, der seit seinem Debüt im Jahr 1986 14 Mal zu Gast war, nicht nur mit Chopin, sondern auch mit Beethovens »Grande Sonate Pathétique« zu erleben. Dafür sollte man sich als Klavierliebhaber:in Zeit nehmen – denn die Kunst braucht Zeit, der Mythos ist das Zeitlose. Für beides ist Ivo Pogorelich ein gewandter Erzähler und ideale Verkörperung zugleich.
