Musikalisches Gebet

Anton Bruckner — Scherenschnitt von Otto Böhler
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Mit dem Adagio seiner Siebenten schreibt Anton Bruckner ein bewegendes Requiem für seinen verehrten »Meister« Richard Wagner – ein stilles und zugleich ergreifendes Bekenntnis zur geistigen Verwandtschaft beider Titanen

von Guido Krawinkel

Als Anton Bruckner seine 7. Symphonie komponierte, schwebte ein Name wie ein Schatten über der Partitur: Richard Wagner. Während der Arbeit daran quälte Bruckner die Vorahnung von Wagners baldigem Tod. Die Nachricht aus Venedig erreichte ihn schließlich, als der zweite Satz weitgehend vollendet war: Das Adagio gehört zu den ergreifendsten Momenten der Symphonik. Vier Wagner-Tuben eröffnen den Satz mit einem choralartigen Thema von sakraler Wucht – nicht zufällig jenen Instrumenten, die Wagner eigens für seinen Ring hatte bauen lassen. Der warme, gedeckte Klang dieser Tuben verbindet sich mit den Streichern zu einer Klangfarbe, die wie aus einer anderen Welt klingt. Über diesem stillen Fundament entfaltet sich Bruckners Trauergesang in weiten, atmenden Bögen: Musik, die sich in Demut neigt und doch eine überirdische Größe besitzt.

In seiner Anlage erinnert der Satz an das Adagio aus Beethovens Neunter: Er besteht aus aufeinanderfolgenden, kontrastierenden Abschnitten, die sich bis zu einem gewaltigen Höhepunkt steigern. Bruckner treibt die Harmonik zunehmend in die Dissonanz, bevor sich die Spannung in einem strahlenden Aufleuchten entlädt – eine Geste, die nicht zufällig an Siegfrieds Trauermarsch aus Wagners »Götterdämmerung« erinnert. Der Satz scheint den Weg von irdischer Klage zu transzendenter Versöhnung zu zeichnen: eine Apotheose des Abschieds. Für Bruckner selbst war dieses Adagio ein Zeichen des Dankes an Wagner, den er als »Meister aller Meister« verehrte, und zugleich an Gott, den er in allem Wirken gegenwärtig fühlte.

Auch die Aufführungsgeschichte prägte die Rezeption des Adagios als Trauermusik. Bei der Uraufführung der Siebenten am 30. Dezember 1884 in Leipzig unter Arthur Nikisch beeindruckte gerade dieser Satz das Publikum nachhaltig und trug maßgeblich zu Bruckners Durchbruch bei. In den folgenden Jahren erklang das Adagio wiederholt bei Trauerfeiern für Richard Wagner und andere prominente Persönlichkeiten und festigte so seinen Ruf als »musikalisches Requiem« weit über Bruckners ursprüngliche Widmung hinaus.
Charakteristisch ist die enorme Ausdrucksdichte der Partitur: Kaum ein Ton ist nicht mit dynamischen oder agogischen Anweisungen versehen, was den interpretatorischen Anspruch ebenso erhöht wie die emotionale Intensität. Am Ende zieht sich die Musik in eine verklärte Ruhe zurück – die Trauer scheint in eine Form stiller Annahme überzugehen. Als später sogar eine Fassung des Satzes anlässlich des Todes von König Ludwig II. erklang, hatte die Musik bereits die Aura des Persönlichen überschritten. Sie wurde zu einem universellen Klang des Gedenkens – ein musikalisches Gebet, das über Bruckner hinausweist und bis heute zu berühren vermag.

So verbindet dieses Adagio Bruckners tief verwurzelte katholische Frömmigkeit mit seiner glühenden Wagner-Verehrung. Es steht im Zentrum der Symphonie und bildet zugleich einen der wichtigsten Bezugspunkte für die spätere Bruckner-Rezeption: als Klangbild des Abschieds, als symphonisches Gebet – und als leiser, doch unüberhörbarer Gruß an den »Meister«, dem Bruckner so viel verdankte.

05/05/26
05/05/26
Di, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester

Wiener Symphoniker / Bomsori / Jacquot

Bruckner: Symphonie Nr. 7

25375164758795102,–
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06/05/26
06/05/26
Mi, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester

Wiener Symphoniker / Bomsori / Jacquot

Bruckner: Symphonie Nr. 7

25375164758795102,–
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