Rückeroberung einer unsichtbaren Geschichte

Zum Anlass der Einladung des Chineke! Orchestra im Rahmen der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien reflektiert Leonora Scheib (Dramaturgin des Festivals) über die Tradition und Gestaltung von Europas musikalischem Erbe
von Leonora ScheibAls Chi-chi Nwanoku im Rahmen der Wiener Festwochen das Gipfeltreffen der Akademie Zweite Moderne mit einer Keynote eröffnete, wurde spürbar, welche Kraft in ihrer Person und den von ihr initiierten Projekten liegt. Die Atmosphäre unter den Zuhörenden war gebannt. Im Zentrum stand eine Frage, deren Impuls über die Rede hinaus nachwirkt und zu diesem Text inspirierte: Wie entsteht kulturelle Erinnerung und wer bleibt darin sichtbar?
Wien ist ein symbolischer Ort für diese Überlegungen. 1803 wurde hier jene Violinsonate uraufgeführt, die wir heute als »Kreutzer-Sonate« kennen. Tatsächlich entstand sie für den afro-europäischen Geiger George Bridgetower, der sie gemeinsam mit Ludwig van Beethoven zur Premiere brachte. Ursprünglich war das Werk Bridgetower gewidmet. Erst später wurde sein Name durch jenen von Rodolphe Kreutzer ersetzt – einem Geiger, der die Sonate nie öffentlich spielte.
Dieser Vorgang verweist auf ein strukturelles Problem der europäischen Musikgeschichtsschreibung: Schwarze Musiker:innen und Komponist:innen waren über Jahrhunderte Teil des Musiklebens, wurden jedoch häufig aus der kanonisierten Erzählung verdrängt. Was bleibt ist ein Traditionsbild, das sich als selbstverständlich ausgibt, obwohl es das Ergebnis bewusster Auswahlprozesse ist.
Die Auseinandersetzung mit marginalisierten Komponist:innen bleibt dabei nicht abstrakt. Im Zentrum steht die Rückgewinnung konkreter Werke für den Konzertalltag. Komponist:innen wie Samuel Coleridge-Taylor und Florence Price stehen exemplarisch für ein Repertoire, das über Generationen hinweg präsent war und dennoch aus Programmen und Lehrplänen verschwand. Price wirkte in den USA und war die erste afroamerikanische Frau, deren Symphonie von einem großen amerikanischen Orchester aufgeführt wurde – in den 1930er-Jahren. Ihre Werke, tief verwurzelt in afroamerikanischen Spirituals und Folktraditionen, verleihen der klassischen Musik eine einzigartige Stimme. Jahrzehntelang blieb ihr Schaffen weitgehend verborgen, bis seine Wiederentdeckung nicht nur durch die Qualität der Kompositionen beeindruckte, sondern auch durch das, wofür es steht: Resilienz, Kreativität und die Rückeroberung von Raum innerhalb der klassischen Musik. Die Wiederaufnahme ihrer Werke bedeutet nicht bloße Ergänzung, sondern eine Korrektur der Perspektive: Repräsentanz entscheidet darüber, wer sich auf einer Bühne wiederfinden kann und wessen Musik als Teil des kulturellen Erbes gilt.
Wie grundlegend diese Frage ist, zeigte sich 2015 im Rahmen der Sphinx Competition, eines Wettbewerbs für Schwarze und lateinamerikanische Musiker:innen. Als Jurymitglied stellte Chi-chi Nwanoku die bis dahin selbstverständliche Repertoirewahl zur Diskussion und regte an, im Finale das Violinkonzert von Samuel Coleridge-Taylor anstelle des Sibelius-Konzertes in Betracht zu ziehen. Mit dieser Infragestellung wurde sichtbar, wie stark Programmtraditionen historisch gewachsen – und veränderbar – sind. Die erste Preisträgerin nach dieser Erweiterung war Njioma Chinyere Grevious, die dieses Werk nun auch im Wiener Konzerthaus spielt. Neben Coleridge-Taylors Violinkonzert und Prices erster Symphonie erklingt zudem ein Stück des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Carlos Simon. Historische Perspektiven und aktuelle künstlerische Stimmen werden im Programm zusammengeführt: Es geht nicht allein um Rückblick, sondern um die bewusste Gestaltung eines Repertoires, das Vergangenheit und Zukunft zusammendenkt.
Vor diesem Hintergrund erhält auch ein Konzert des Chineke! Orchestra in Wien eine besondere Resonanz. Die Gründung des Ensembles im Jahr 2015 durch Chi-chi Nwanoku markierte einen programmatischen Schritt: Das in Europa einzigartige Orchester, dessen Musiker:innen überwiegend People of Colour sind, steht für einen Ansatz, der strukturelle Exklusion in der klassischen Musik nicht nur thematisiert, sondern hörbar macht. Durch bewusste Repräsentanz wird hier eine reale Veränderung wirksam – sie beeinflusst, wer sich im Raum der klassischen Musik als zugehörig erlebt. Wenn Werke von Komponist:innen erklingen, die lange am Rand standen, wird deutlich, dass Tradition kein statisches Erbe ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Die Frage lautet nicht, ob neue Stimmen »hinzugefügt« werden, sondern wie sich Programmgestaltung als Erweiterung des Repertoires versteht und dadurch Relevanz und Zugehörigkeit herstellt.
Klassische Musik gewinnt an Tiefe, wenn sie ihre eigenen Leerstellen ernst nimmt. Die Wiederentdeckung verdrängter Biografien ist dabei kein Akt nachträglicher Korrektur, sondern Ausdruck historischer Genauigkeit. Europas musikalisches Erbe war stets plural. Es als solches wahrzunehmen bedeutet, seine Vergangenheit ehrlicher zu betrachten – und seine Zukunft offener zu gestalten.
Chineke! Orchestra / Grevious / Young



