Wege aus Böhmen

Von Böhmen in die Welt: Wie drei böhmische Komponisten mit ihren Symphonien, Konzerten und Konzertreisen die musikalische Landschaft des 19. Jahrhunderts über ihre Heimat hinaus prägten
von Annelie LechnerBöhmen im 19. Jahrhundert – umschlossen von ausgedehnten Waldgebirgen, landschaftlich geprägt von sanften Hügeln und fruchtbaren Ebenen zwischen Elbe und Moldau: Als kultureller Schmelztiegel im Herzen Europas war das Land Teil der Habsburgermonarchie und von rascher Industrialisierung, bürgerlichem Aufbruch und einem erstarkenden nationalen Selbstbewusstsein gekennzeichnet. Zwischen Prag, Provinzstädten und ländlichen Regionen entwickelte sich ein lebendiges Musikleben, das geprägt war von Volksmusik und kirchlicher Tradition sowie einer ganz hervorragenden Ausbildungskultur. Böhmische Musiker:innen galten allgemein als hochqualifiziert und kosmopolitisch. Diese Eigenschaften führten sie oftmals weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus.
Jan Václav Voříšek
Geboren wurde Jan Václav Voříšek 1791 in Vamberk, Ostböhmen. Er kam durch seinen Vater, der als Lehrer, Chorleiter und Organist tätig war, bereits früh mit Musik in Kontakt. Nach Studien in Prag verschlug es Voříšek mit 22 Jahren nach Wien, wo er Jura studierte und u. a. von Johann Nepomuk Hummel Klavierunterricht erhielt – und das so erfolgreich, dass ihm Hummel vor seiner Abreise nach Stuttgart all seine Schüler übergab. In Wien wirkte Voříšek in einigen Dilettantengesellschaften, komponierte und wurde 1823 zum Wiener Hoforganisten berufen, bevor er jung an der damals so genannten Lungenlähmung verstarb. Seine einzige vollendete Symphonie ist ein frisches und lebendiges Werk der Frühromantik. Besonders in den tänzerischen Passagen entwickelt Voříšek eine feinsinnige und poetische Tonsprache.
Johann Wenzel Kalliwoda
Voříšeks Zeitgenosse Johann Wenzel Kalliwoda stammt aus Prag, wo er seine musikalische Ausbildung 1816 beendete und kurz darauf eine Anstellung als Geiger im Prager Theaterorchester erhielt. Eine Konzertreise führte ihn 1822 nach Linz, München und Donaueschingen. Kalliwodas Entscheidung, dort zu bleiben und die ihm angebotene Stelle als Hofkapellmeister im ansässigen Theater anzunehmen, bescherte dem Hof der Fürstenberger vier Jahrzehnte lang ein reiches musikalisches Leben: Kalliwoda komponierte, leitete die Hofoper, trat als Solist auf und unterrichtete die sieben Kinder des Fürsten Karl Egon II. Sein umfangreiches Œuvre enthält Symphonien, Kammer- und Klaviermusik – besonders seine Orchesterwerke fanden europaweit Beachtung. Kalliwodas Concertino für Oboe und Orchester ist ein heiteres, kantables Werk, in dem die lyrischen Möglichkeiten der Oboe elegant und virtuos in den Vordergrund gestellt werden.
Antonín Leopold Dvořák
Ohne Frage zählt Antonìn Dvořák zu den bekanntesten musikalischen Persönlichkeiten seiner Zeit. Er wurde in Nelahozeves bei Prag geboren. In Prag erhielt Dvořák seine musikalische Ausbildung und wirkte zunächst als Bratschist und Komponist. Mit wachsendem internationalen Erfolg führten ihn Konzertreisen durch ganz Europa sowie in die USA. Seine 7. Symphonie gilt als die dramatischste seiner insgesamt neun Symphonien. Er komponierte sie in den 1880er-Jahren, inspiriert vom dramatischen Ernst der Dritten des von ihm hoch verehrten Johannes Brahms. Die Uraufführung in London leitete Dvořák höchstpersönlich. »Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich die Engländer ehren!«, berichtete er in die böhmische Heimat. »Überall wird über mich geschrieben und man sagt, ich sei der Löwe der heurigen Musiksaison in London.«
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