Blickpunkt Emilie Mayer

Emilie Mayer
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Emilie Mayer war im 19. Jahrhundert eine gefeierte Komponistin, deren Symphonien europaweit erklangen. Nach Jahrzehnten des Vergessens erfährt ihr Werk heute neue Würdigung

from ALMUT RUNGE-WOLL

Der Komponist und Kantor Carl Loewe leitete als Musikdirektor in Stettin 1859 die Aufführung einer Symphonie, die er überschwänglich lobte. Ein »geniales Kunstwerk« nannte er die Symphonie in h-moll von Emilie Mayer. Um 1850 komponiert und im Königlichen Schauspielhaus Berlin 1851 uraufgeführt, wird sie zu Lebzeiten der Komponistin so häufig wie keine andere ihrer Symphonien aufs Programm gesetzt. Die zeitgenössische Kritik feiert »ihre sich durchweg über das Gewöhnliche erhebenden, oft in noblem Style gehaltenen Gedanken« und konstatiert ein »sonst bei Frauen nicht vorkommendes Gestaltungstalent«, und betont weiter, »ihre Harmonien aber sind gewählt und anziehend und bekunden sichere Beherrschung eines reichen Materials«.

Von Preußen nach Wien
So ist Emilie Mayer, als sie 1856 auf Einladung der Erzherzogin Sophie und ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben der Königin Elisabeth von Preußen nach Wien reist, bereits auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. In Berlin erklingen im Königlichen Schauspielhaus jedes Jahr ihre neuesten Werke, aber auch in Leipzig, München, Köln, Brüssel oder Stettin. Die Zeitungen berichten von erfolgreichen Konzerten und sind voll des Lobes über ihre Kompositionen. In Wien wird sie »huldreich aufgenommen«. Das renommierte Hellmesberger’sche Quartett bringt in einem Privatkonzert mehrere Kammermusikwerke zu Gehör. Der Rezensent der Neuen Zeitschrift für Musik ist begeistert, beklagt allerdings, dass das Konzert nicht öffentlich stattfand, obwohl »sie wohl bis jetzt die einzige ihres Geschlechts ist, die sich mit so anhaltendem Eifer dem Dienst der Musen gewidmet hat«.

Ursprünge in Mecklenburg
Diese erfolgreiche Komponistinnenlaufbahn war Emilie Mayer nicht vorgezeichnet. 1812 wird sie als Tochter eines wohlhabenden Apothekers im mecklenburgischen Friedland geboren. Zwar erhält sie schon früh Klavierstunden und soll ihren Lehrer mit selbstkomponierten Tänzen überrascht haben, aber erst nach dem Tod des Vaters 1840 kann sie, nun finanziell unabhängig, in Stettin bei Carl Loewe Komposition studieren. Unter seinem Einfluss setzt sie sich zunächst vor allem mit den Werken der Wiener Klassik auseinander. Auf Anregung Loewes geht sie um 1847 nach Berlin und setzt dort ihre Studien fort.

»Mayer, E., Komponistin«
1850 veranstaltet Emilie Mayer im Schauspielhaus Berlin ihr erstes Konzert mit eigenen Kompositionen. Ihr gelingt, was für die meisten musikschaffenden Frauen ihrer Generation ein bloßer Wunschtraum bleibt: Von den Kritikern hochgelobt, etabliert sie sich erfolgreich als Komponistin. Ins Adressbuch lässt sie sich selbstbewusst als »Mayer, E., Komponistin« eintragen. In den folgenden Jahren stellt sie nun regelmäßig ihre neuesten Kompositionen vor. Insgesamt entstehen allein acht Symphonien für großes Orchester und mindestens 15 Konzertouverturen sowie eine Vielzahl von Kammermusikwerken. Nach ihrem plötzlichen Tod am 10. April 1883 wird Emilie Mayer allenthalben ausführlich gewürdigt, gerät aber schon bald in Vergessenheit. Glücklicherweise hat ihr nahezu vollständiger musikalischer Nachlass in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin die Zeit bis zu ihrer Wiederentdeckung im späten 20. Jahrhundert überdauert.

Wiederentdeckung
Bis heute sind mittlerweile alle Symphonien und zahlreiche Kammermusikwerke aufgeführt, auf Tonträgern eingespielt und größtenteils in modernen Notenausgaben erschienen. Der Film »Komponistinnen« ließ Emilie Mayer 2018 in besonderer Weise lebendig werden. 2021 wurde ihr auch von öffentlicher Seite die verdiente Anerkennung zuteil: Das Land Berlin erhob ihre letzte Ruhestätte auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof zum Ehrengrab. Mit der Gründung der Emilie-Mayer-Gesellschaft 2023 wurde schließlich eine Institution geschaffen, die ihren Weg in die Konzertsäle als gleichberechtigte Größe neben den männlichen Kollegen ihrer Zeit weiter vorantreiben wird.

»Die h-moll-Sinfonie von Fräulein Emilie Mayer ist [...] ein Bedeutendes und geniales Kunstwerk dieser Gattung, mit welchem die begabte Künstlerin die musikalische Literatur bereichert hat.«
CARL LOEWE, 1859
11/02/2026
11/02/26
Wed, 6.00 PM ∙ Berio-Saal
Gespräch, Vortrag & Einführung

Melanie Unseld im Gespräch

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11/02/2026
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Wed, 7.30 PM ∙ Großer Saal
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Kammerorchester Basel / Dovgan / Lazarova

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