Die Lust an der Melancholie

Carminho
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Liegen der salzige Duft des Meeres und der süße Geruch von Pastel de Belém in der Luft der steilen, engen Gassen der historischen Altstadt, so heißt es: »Bem-vindo a Lisboa!« – »Willkommen in Lissabon!« Ebenso charakteristisch ist ein bestimmter Musikstil: der Fado

from BARBARA ALHUTER

Die Wurzeln des Fado reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Tief verwoben mit der »saudade«, einer sehnsuchtsvollen Form des Weltschmerzes, erzählen seine Lieder von den Prüfungen und Abenteuern des Lebens. Seit 2011 ist der Fado Teil des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO. Und die 1984 in Lissabon geborene Sängerin Carminho zählt seit Jahren zu seinen berühmtesten Stimmen. Für sie ist Fado weit mehr als Musik – er ist die Essenz ihrer Heimat: »Der Fado bildet musikalisch die Seele des portugiesischen Volkes ab. Die Portugiesen sind melancholische Menschen und leben ihre Gefühle in einer sehr tiefen Art und Weise.«

Die Alfama als Schule
Die für Portugal so typische Musik schien Carminho in die Wiege gelegt: Sie ist die Tochter der Fadista Teresa Siqueira, die mit ihrem Mann ein Restaurant in der Alfama – dem »Heimatviertel« der Fado-Lokale – führte. »Fado lernt man in Fado-Lokalen«, erklärt Carminho in einem Interview, »nicht in der Schule. Tag für Tag lernt man dazu. Man lernt auch von der Erfahrung anderer, die schon länger singen, hört von ihren Geschichten und Erfolgen.« Bereits als junge Erwachsene wurde Carminho international als Fado-Sängerin gefeiert. Ihr Debütalbum »Fado« (2009) war ein Riesenerfolg.

»Eu Vou Morrer de Amor ou Resistir«
Im Oktober 2025 legte sie mit »Eu Vou Morrer de Amor ou Resistir« ihr siebtes Album vor, das sie am 15. April auch im Wiener Konzerthaus präsentieren wird. Es ist vollständig von ihr produziert und führt fort, was mit »Maria« (2018) und »Portuguesa« (2023) begonnen hat: In elf Stücken erweitert sich der Klangkosmos des Fado kontinuierlich, sein klangliches Paradigma wird in die Gegenwart übertragen. Carminho versteht ihre Musik dabei nicht als Bruch mit der Tradition, sondern als natürliche Entwicklung: »Ich singe einfach gerne Fado und experimentiere dabei.« Auf »Eu Vou Morrer de Amor ou Resistir« verknüpft sie traditionellen Fado u. a. mit Jazz und dringt in neue Klangsphären vor: Für »Dia cinzento« arbeitet Carminho mit dem portugiesischen Jazzpianisten Mário Laginha zusammen, während »Saber« durch die Kollaboration mit der US-amerikanischen Performance-Künstlerin Laurie Anderson besticht. Zudem bilden die Gedichte der aus Porto stammenden experimentellen Lyrikerin Ana Hatherly (1929–2015) eine Grundlage ihrer Lieder.

Von unglücklicher Liebe 
Der Albumtitel – wörtlich übersetzt: »Ich werde vor Liebe sterben oder widerstehen« – ist Programm: Carminho besingt die unglückliche Liebe, den Trennungsschmerz, die Suche nach Identität und Heimat. Doch inmitten des typischen »gosto de ser triste«, des Genusses, traurig zu sein, der Lust an der Melancholie, blitzt eine neue Stärke auf. Denn am Ende, so die Botschaft, schreibt man die Geschichte(n) seines Lebens stets selbst. Also: Nur Mut! 
 

Konzerttipp

15/04/26
15/04/26
Wed, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Global & lokal

Carminho

»Eu Vou Morrer de Amor ou Resistir«

294053667784,–
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