Ein A. H. Moment

Der sensible Violinvirtuose Augustin Hadelich ist Porträtkünstler der Saison 2026/27
from Liz ReitterEs gäbe genügend Material für das klassische Virtuosennarrativ: Wunderkinddebüt, Spitzenkonservatorium, internationale Preise und Nominierungen, Residenzen bei führenden Orchestern rund um den Globus. Vom eigenen Mythos bleibt Augustin Hadelich dennoch sichtlich unbeeindruckt. Weniger ist mehr, lautet sein Credo. Und das in einer Zeit, in der sich viele Musiker:innen stets überinszenieren müssen. Und bei einem Geiger, der alles spielen könnte, was sich auf vier Saiten physikalisch noch verantworten lässt.
Viele Heimaten, kein Heimatton
Woher kommt jemand, der überall ein wenig zu Hause ist? Bei Augustin Hadelich fällt die Antwort zwangsläufig weitläufig aus. Deutsche Eltern, Kindheit in Italien, Studium in New York, heute amerikanischer und deutscher Staatsbürger. »Zuhause ist mehr als ein Ort für mich. Wenn ich bei meiner Familie bin, fühle ich mich zu Hause.« Es ist die denkbar nahelie-gendste Definition eines Musikers, der mehr als dreihundert Tage im Jahr unterwegs ist. »Wenn ich an Heimat denke, denke ich an die Toskana und ihre Landschaft«, sinniert Hadelich. »Meine frühesten Erinnerungen sind Olivenbäume, Weinberge und Wälder. Meine Muttersprache ist aber Deutsch, und jetzt lebe ich seit zwanzig Jahren in Amerika. Alle drei Länder gehören irgendwie zu meiner Identität.« Ob trotzdem oder gerade aufgrund dessen: Sein Spiel verrät keine nationale Schule, keinen stilistischen Stempel.
Die Musik selbst singen lassen
Es begann am heimischen Notenpult mit seinem Vater, einem Hobbycellisten. »Die Eltern meines Vaters waren professionelle Musiker«, erzählt Hadelich, »er hatte also schon einiges an Grundwissen.« Später reiste die Familie regelmäßig nach Deutschland, damit der junge Augustin namhaften Violinisten wie Christoph Poppen, Uto Ughi oder Igor Ozim vorspielen konnte. Prägend war für ihn der gefeierte Primarius des Amadeus Quartetts: »Mit zwölf, dreizehn Jahren hatte ich das Glück, bei Norbert Brainin Unterricht zu nehmen. Ich habe sehr viel von ihm gelernt, besonders geschmacklich. ›Less is more‹, hat er gerne gesagt – zu einer Zeit, in der mir oft vermittelt wurde: Egal was du interpretierst, mach möglichst viel davon. Von ihm lernte ich, die Musik selbst sprechen zu lassen.«
Kaum ein Satz beschreibt Hadelichs Kunst treffender. Auch technisch versucht er, dem Klang möglichst wenig in die Quere zu kommen. Darauf beruht diese organische Ungezwungenheit in seinem Auftreten: »Jeder Musiker sollte die Bewegungen machen, die sich richtig anfühlen, man muss nichts unterdrücken. Meine Bewegungen sind mit den Jahren etwas größer und freier geworden, das war ein natürlicher Nebeneffekt eines langen Prozesses, größer und freier zu klingen.«
Seit sechs Jahren verhilft ihm seine »Leduc, ex Szeryng« dazu, diesem Anspruch gerecht zu werden: »Sie hat einen wunderbar warmen Klang, der sehr menschlich und gesanglich ist.« Die sagenumwobene Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1744 gilt als das vermutlich letzte vollendete Instrument aus der Werkstatt des legendären Geigenbauers. Hadelich, der mit Aufnahmen ihres Vorbesitzers Henryk Szeryng aufwuchs, erkennt darin auch heute noch bestimmte Eigentümlichkeiten wieder. Und doch bleibt er uneitel: »Ich denke, wir klingen trotzdem sehr unterschiedlich – schließlich hört man den Klang eines Geigers viel mehr als den der Geige.« Sein eigentliches Klangideal war ohnehin immer die menschliche Stimme: »Ich fühlte sofort, dass ich mit dieser Geige singen kann und genieße es sehr.«
Mit ähnlicher Unbefangenheit nähert sich Hadelich dem Notentext. Bestärkt hat ihn darin zuletzt die Zusammenarbeit mit Thomas Adès und John Adams: »Manchmal meinen diese Komponisten es mit ihren Anweisungen nicht immer wörtlich, es geht ihnen immer mehr um Charakter und Ausdruck. Wir begegnen der alten Musik mit großer Ehrfurcht, aber wahrscheinlich haben Komponisten wie Beethoven auch nicht alles so wörtlich gemeint.«
Über sich sagt der Stargeiger etwas, das womöglich am besten seine Bühnenpräsenz erklärt: »Ich war immer jemand, der beim Zuhören die Augen schließt. Insofern ist mir das Theatralische vielleicht etwas fremd.« Überhaupt spielt Hadelich nicht nach außen, er hört nach innen. Und vor allem hört er anderen zu: »Man sollte auch ein Violinkonzert so spielen und dem Orchester so gut zuhören, als wäre es Kammermusik.«
Von Bach bis Barber
Wie vielseitig sich diese Haltung musikalisch übersetzen lässt, präsentiert Augustin Hadelich in seinem Porträtzyklus, in dem er in unterschiedlichen Konstellationen zu erleben ist. Die neue Spielzeit wird gemeinsam mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und Samuel Barbers Violinkonzert eröffnet, das hierzulande erstaunlich selten auf den Spielplänen steht. Für Hadelich ein Versäumnis: »In Amerika gehört Barber zu den fünf meistgespielten Violinkonzerten! Es ist ein schönes, lyrisches Stück – emotional tief empfunden, aber immer nobel. Dieses Konzert muss unbedingt auch in Europa mehr gespielt werden!«
Ein weiterer Höhepunkt verspricht das Duo mit Seong-Jin Cho zu werden, das sich Brahms-, Janáček- und Prokofjew-Sonaten widmet. »Ich liebe das unglaublich reiche Repertoire der Pianisten, und spiele für mich viel Klavier.« Darin schwingt die Bewunderung eines Musikers mit, der ohne Geige vermutlich Pianist geworden wäre. »Gerade deshalb weiß ich das Können von jemandem wie Seong-Jin ganz hoch zu schätzen. Ich werde bestimmt viel dazulernen, wenn ich ihm auf die Finger schaue!«
Zutiefst nahe geht ihm außerdem das Solorepertoire – von Telemann über Bach und Paganini bis hin zu Ysaÿe und Perkinson spannt sich ein Bogen durch mehrere Jahrhunderte Geigengeschichte. Für Hadelich sind es schlicht »die großartigsten Stücke, die es für Geige gibt«. Über Bachs Chaconne schwärmt er: »Eigentlich gibt es nichts Besseres.«
Zum Saisonende kehrt er schließlich mit der Academy of St Martin in the Fields noch einmal zu einem Teil seiner musikalischen Wurzeln zurück: mit einem italienischen Programm zwischen Paganini und Puccini, das schließlich in Tschaikowskys schwelgerisches »Souvenir de Florence« mündet. Besonders am Herzen liegt ihm Paganinis viertes Violinkonzert, das außerhalb Italiens kaum zu hören ist: »Die Musik erinnert mich stilistisch stark an Rossini: lyrisch, witzig, dramatisch, aufregend.« Seine Begeisterung ging so weit, dass
Hadelich das Autograf des Werks ausfindig machte und eine neue Edition der Instrumentierung anregte. »Es ist sozusagen ein Stück für die Fans, in dem viele Lieblingsmomente aus früheren Werken anklingen. In mancher Hinsicht ist es Paganinis beste Komposition.«
Wenn weniger mehr nachhallt
Braucht nicht jemand, der beruflich immerzu Klang produziert, irgendwann vor allem eines: Ruhe? Hadelich bejaht. Nach großen Konzerten wolle er oft gar nichts mehr hören, sondern nur die Musik und die Stimmung weiterwirken lassen. »Ich finde Musik im Hintergrund sehr lästig. Wenn zum Beispiel in einem Restaurant Musik läuft, kann ich mich kaum auf das Gespräch konzentrieren.« Für ihn ist Klang zu essenziell, um diesen zur akustischen Tapete zu reduzieren.
Obwohl Social Media, YouTube und Streamings eine Selbstverständlichkeit sind, ist Qualität auch hier das oberste Gebot: »Ich glaube, dass wir unsere Musik genauso ernst nehmen müssen wie zu früheren Zeiten. Deswegen war es mir immer egal, ob der Algorithmus lieber mehr Posts will.« Wo sich die Klassik zwischen Virtuosenkult und Dauerinszenierung verliert, postuliert Augustin Hadelich genügsam unaufgeregt: »Lieber nichts posten als etwas Schlechtes.« Gerade heute sollen Musiker:innen zugleich interpretieren, erklären, filmen, unterhalten und möglichst algorithmusfreundlich präsent sein. Hadelich entzieht sich diesem Takt: »Manche Projekte brauchen Jahre, bis sie gut genug sind. Das ist okay, als klassischer Musiker muss man in viel größeren zeitlichen Horizonten denken als nur, was man heute posten kann. Jeder sollte also seiner Ästhetik treu bleiben. Man kann unsere Kunst zwar auf neue Art präsentieren, aber sie sollte nicht oberflächlich werden, die Substanz sollte nicht verloren gehen.«
Je lauter die Welt wird, desto kostbarer werden jene Künstler:innen, die einen Raum nicht mit Lautstärke füllen müssen – Augustin Hadelich (ge)hört (da)zu.
Pittsburgh Symphony Orchestra / Hadelich / Honeck

Augustin Hadelich / Seong-Jin Cho

Augustin Hadelich, Violine


