Ein geläuterter Virtuose

Arcadi Volodos_1
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Zum Rezital von Arcadi Volodos

from MARTIN WILKENING

Die Musik von Franz Schubert bildete schon recht früh eine Art Sehnsuchtsort für Arcadi Volodos, ohne dass sich das direkt in den Programmen offenbart hätte, mit denen er als junger Virtuose die Öffentlichkeit in Erstaunen versetzte. Vor knapp dreißig Jahren war Volodos als neuer Stern am Firmament der Supervirtuosen erschienen. Zuvor hatte er nie an einem Wettbewerb teilgenommen. Als Wunderkind war er nicht aufgefallen, überhaupt erst relativ spät, mit 15 Jahren, ernsthaft zum Klavier gewechselt, nach einer frühen Ausbildung in Gesang und Dirigieren in seiner Heimatstadt St. Petersburg.

Von Moskau nach New York
Nach dem Klavierabschluss in Moskau verbrachte er ab 1990 ein Jahr mit Studien in Paris und folgte dann seinen früheren Moskauer Lehrern nach Madrid, wo er sein Spiel an der neugegründeten Hochschule Sofia Reina weiter vervollkommnete. In Pianist:innenkreisen begann man, sich Wunderdinge über seine selbstverständliche Virtuosität zu erzählen, so dass auch einer der einflussreichsten amerikanischen Musikproduzenten auf den jungen Russen aufmerksam wurde. Und dann ging für Volodos, der sich bis dahin immer die Zeit nehmen konnte, die er brauchte, alles ganz schnell und eigentlich viel zu schnell. Einem New Yorker Debüt in einer Newcomer-Reihe folgte schon bald das Debüt in der prestigeträchtigen Carnegie Hall. Seine ersten zwei CDs erschienen in kurzer Folge. Deren Repertoire war wie das seiner Konzerte geprägt von Liszt und ­Rachmaninoff, auch dem Liszt’schen Geist der virtuosen Klaviertranskription.

Von 200 auf 50
Ein knappes Jahrzehnt lang gab Volodos dann dem Druck der Vermarktung weitgehend nach, spielte zeitweise 200 Konzerte im Jahr, bevor er sich entschließen konnte, das Tempo rauszunehmen. Das geschah nicht als Bruch, den brauchte er dank seiner gut geerdeten Persönlichkeit nicht, sondern als ein langsamer Übergang. Er verringerte die Zahl der jährlichen Konzerte bald auf etwa fünfzig, reist nun weniger, und versucht, sein Leben mit der Familie in der Nähe von Madrid auf dem Land zu genießen – gerne auch wochenlang ohne Klavier. Seine Plattenfirma hält ihm bis heute die Treue, auch nachdem er die Frequenz der Neuerscheinungen auf den Abstand mehrerer Jahre drosselte und die Fundamente seines Repertoires etwa ab 2013 radikal erneuerte: Von Rachmaninoff und Liszt über die meditativen Miniaturen des spanischen Komponisten Federico Mompou hin zum späten Brahms jenseits der Sonaten, zu Schumanns Klavierzyklen und vor allem zu Franz Schubert, den er heute als seinen »absoluten Lieblingskomponisten« bezeichnet. 

Langsame Annäherung
Schon 2002 hatte er Schubert seine vierte CD gewidmet, die erste mit Solostücken eines einzigen Komponisten. Aber erst um das Erscheinen seiner zweiten Schubert-CD im Jahr 2019 herum rückte Schubert vor allem mit seinen späten Sonaten auch ins Zentrum von Volodos’ Konzertprogrammen. Die Zeit war reif, als Ergebnis eines langen Annäherungsprozesses, den er einmal mit der inneren Notwendigkeit erklärte, »alles Essentielle allein in den Noten in langwährender Auseinandersetzung zu finden. Deshalb spiele ich auch für mich sehr viel mehr Schubert, als ich das in der Öffentlichkeit mache«. Spannend, ebenso sinnvoll wie für Volodos’ Repertoire überraschend, erscheint dabei auch die Gegenüberstellung mit Chopins Sonate in b-moll, deren Traumgespinste an Schubert anknüpfen, bis hin zu dem rätselhaften Schlusssatz, der mit seiner radikal vereinfachten Unisono-Raserei gerade die rechte Herausforderung für einen geläuterten Virtuosen wie Volodos darstellt.

Konzerttipp

09/04/26
09/04/26
Thu, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Solistisches Klavier
Klavierabend

Arcadi Volodos

2533435361707581,–
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