Joshua Redman

Der Saxophonist spricht im Interview über »Words Fall Short«, Literatur und sein aktuelles Quartett
from ANNELIE LECHNERDer Titel Ihres neuen Albums »Words Fall Short« stammt aus Yiyun Lis Roman »Where Reasons End« – was hat Sie an ihrer Art, über Sprachlosigkeit zu schreiben, am meisten berührt?
Es ist ein wunderschönes Buch. Was ich daran besonders faszinierend fand, ist, dass sich oberflächlich so viel um Sprache dreht und es dabei doch um etwas völlig anderes geht: um das, was jenseits der Sprache liegt, um das, was Sprache nicht annähernd berühren oder erklären kann. Der Großteil des Buches besteht aus einem Gespräch zwischen der Autorin und ihrem Sohn, der sich das Leben genommen hat. Sie führt dieses Gespräch schriftlich mit ihm und spricht dabei über Sprache selbst. Oft analysieren sie ganz genau Formulierungen, einzelne Wörter, Adjektive. Es geht viel um spielerische Auseinandersetzung mit Sprache. Man könnte meinen, das sei emotionslos oder übermäßig analytisch. Doch gerade dadurch berührt das Buch tiefste emotionale und spirituelle Ebenen des Lebens und der Beziehungen. Der Schreibstil ist weitgehend unsentimental, und gerade deshalb ist es so herzzerreißend – wirklich ein wunderschönes Buch.
Was kann Musik ausdrücken, wo die Sprache an ihre Grenzen stößt?
Sprache hat ihre Grenzen, so wie Musik und jede andere Kunstform. Ich würde nicht behaupten, dass Musik einfach dort ansetzt, wo Sprache versagt. Alles ist letztlich unzureichend. Das gehört zum Menschsein: Wir können nie vollständig ausdrücken, was es heißt, in dieser Welt zu existieren und sie zu erfahren. Jede Kunstform ist ein Abbild, eine Darstellung – aber nie die Realität selbst. Das Schöne an Musik ist, dass sie nicht auf Sprache reduziert werden kann. Wir schreiben und sprechen viel über Musik und das ist berechtigt. Doch wenn wir das Musikerlebnis vollständig in Sprache fassen könnten, bräuchten wir keine Musik. Genauso beim Schreiben: Wenn man alles, was ein Roman ausdrückt, durch Musik ersetzen könnte, bräuchten wir keine Bücher. Aber wir brauchen all diese Ausdrucksformen. Es ist wundervoll, dass wir so viele Wege haben, uns der Wahrheit zu nähern, sie zu umkreisen, mit ihr zu spielen oder um sie herumzutanzen.
Viele Ihrer Titel sind literarisch inspiriert. Lesen Sie anders, wenn Sie wissen, dass daraus Musik entstehen könnte?
Nein. Wenn ich lese, lese ich. Ich denke nicht darüber nach, ob etwas die Grundlage für einen Song sein könnte. Musik entsteht aus allem und aus nichts. In der Regel schreibe ich nie »über« etwas Konkretes. Es ist selten eine direkte Reaktion auf ein Erlebnis oder einen Text. Eine Ausnahme war ein Stück, das ich nach der Ermordung von George Floyd geschrieben habe. Das war eine unmittelbare Reaktion auf ein Ereignis. Ansonsten lese ich aus Vergnügen, zur Inspiration, zur Bildung und manchmal zum Transzendieren. Natürlich beeinflusst das mein Leben und damit indirekt auch meine Musik. Aber es gibt keine direkte Verbindung. Die Songtitel entstehen meist erst viel später, nachdem wir die Stücke schon gespielt haben. Oft verstehe ich selbst erst im Nachhinein, worum es in einem Stück geht. Dann entsteht vielleicht eine Assoziation und daraus ein Titel.
Einen Großteil der Musik Ihres aktuellen Albums haben Sie während der Pandemie komponiert. Hat die Stille dieser Zeit Ihre Beziehung zu Worten und Klang verändert?
Es war nicht still bei uns zu Hause – ich habe zwei Kinder. Aber natürlich hat sich alles verlangsamt, weil ich nicht auf Tour war. Ich war während der Pandemie nicht produktiver, eher weniger. Normalerweise entsteht mein Schreiben aus dem Austausch mit anderen Musiker:innen, dem gemeinsamen Spielen in Echtzeit. Dieser Rückkoppelungsprozess fehlte. Ich habe trotzdem einige Stücke geschrieben, allerdings ohne ein konkretes Projekt im Kopf. Manche blieben erst einmal liegen und wurden später wieder aufgegriffen. Als wir sie dann mit der Band spielten, war ich unglaublich glücklich. Diese Musiker haben die Fähigkeit, sofort den Kern eines Stückes zu erfassen. Sie können selbst ein Kinderlied tiefgründig klingen lassen. Wenn in der Musik Schönheit oder Bedeutung liegt, verdanke ich das zu einem großen Teil ihnen.
Braucht der Jazz heute mehr Stille als Geschwindigkeit?
Das ist eine fast rhetorische Frage. Ich würde sagen: Jazz – oder Musik allgemein – hatte schon immer ein grundlegendes Verhältnis zur Stille. Dieses Verhältnis ist eigentlich zentraler als das zur Geschwindigkeit. Geschwindigkeit ist eher eine Frage der Technik, der Ausführung. Stille hingegen hat mit Bedeutung, Absicht und Ausdruck zu tun. Ohne Stille gibt es keine musikalischen Phrasen. Sie definiert, was wir hören. Gleichzeitig gibt es auch Musik, die mit sehr wenig Stille arbeitet und gerade daraus ihre Kraft zieht. Denken Sie an jemanden wie Peter Brötzmann oder Albert Ayler – diese intensive, fast ununterbrochene Energie kann eine enorme Wirkung haben. Natürlich gab es immer Musiker, die sich stärker auf Geschwindigkeit konzentriert haben. Das ist nichts Neues. Aber was bleibt, was Bestand hat, geht meist über reine Geschwindigkeit hinaus.
»Kunst ist ein Abenteuer, das Vertrauen und manchmal auch Unbehagen verlangt.«
Ihr neues Quartett wirkt wie ein lebender Organismus. Was entwickelte sich auf der Tour?
Das Entscheidende war der Moment, in dem die Band sich wirklich wie eine Band anfühlte und nicht mehr wie vier einzelne Musiker. Ursprünglich habe ich die Gruppe zusammengestellt, um ein Projekt mit der Sängerin Gabrielle Cavassa zu spielen. Wir haben vor allem Arrangements gespielt, nicht viel eigene Musik. Aber wir haben ständig Neues ausprobiert, neue Stücke eingebracht. Sehr früh habe ich gemerkt, wie schnell und flexibel diese Musiker sind, nicht nur technisch, sondern darin, das Wesen eines Stücks zu erfassen. Alle haben ein starkes Gespür für Dramaturgie und Erzählung. Nach etwa einem halben Jahr auf Tour begann die Band, eine eigene Identität zu entwickeln. Da wurde klar: Wir sollten das aufnehmen. Und als ich dann eigene Stücke für dieses Quartett schrieb, haben sie sofort darauf reagiert – daraus musste ein Album entstehen.
Was inspiriert Sie daran, mit Jazzmusikern der jüngeren Generation wie Paul Cornish, Philip Norris und Nazir Ebo zu arbeiten?
Ihre Energie. Es ist einfach erstaunlich, jung zu sein: Man merkt es erst, wenn man es nicht mehr ist. Sie haben eine enorme Energie, oft ohne es selbst zu merken. Sie sind körperlich, kognitiv und musikalisch unglaublich stark. Gleichzeitig sind sie sehr entspannt, überhaupt nicht aufgedreht. Sie geben mir Energie. Sie halten mich wach und fordern mich heraus. Ich habe das Gefühl, dass sich meine Musik weiter vertieft. Mit ihnen zu spielen hält mich lebendig.
Hören Sie heute anders zu als früher?
Nicht grundsätzlich anders, aber mit mehr Erfahrung. Ich höre mit einer Geschichte des Zuhörens. Dieses erste Hören, dieses kindliche Staunen, das ist etwas Besonderes. Wenn man zum ersten Mal merkt: So etwas ist möglich. Diese Momente sind prägend. Ich erinnere mich daran, als ich Musiker wie Sonny Rollins, Miles Davis oder Ornette Coleman entdeckt habe oder auch Bands wie die Beatles oder Künstler wie Prince. Dieses Gefühl ist einzigartig. Heute ist es anders, aber nicht weniger intensiv. Man kann nur einmal völlig naiv sein. Aber ich bin immer noch neugierig und lasse mich weiterhin inspirieren.
Was macht den Dialog mit dem Publikum bei einem Live-Konzert besonders?
Der Dialog selbst ist das Entscheidende. Musik ist Kommunikation – besonders im Jazz. Es geht darum, im Moment etwas auszudrücken und eine Verbindung herzustellen: zu den Mitmusikern und zum Publikum. Ohne Publikum ist das wie ein unvollständiger Kreislauf. Die Kommunikation ist nicht vollständig. Das Publikum gibt etwas zurück – nicht nur durch Applaus, sondern durch seine bloße Präsenz. Diese Energie im Raum beeinflusst die Musik unmittelbar. Sie formt, was passiert.
Was soll das Publikum aus Ihrem Konzert mitnehmen?
Ich hoffe, dass die Musik etwas auslöst, dass sie einen Eindruck hinterlässt. Natürlich wünsche ich mir einen guten Eindruck, aber selbst eine starke Ablehnung ist besser als Gleichgültigkeit. Heute ist vieles auf unsere Vorlieben zugeschnitten, oft algorithmisch. Das ist bequem, aber auch passiv. Es fehlt Reibung. Ich glaube, wir brauchen Reibung in Kunst und Leben. Meine Musik soll nicht absichtlich provokativ sein, aber sie darf auch nicht sofort konsumierbar sein. Kunst ist ein Abenteuer, das Vertrauen und manchmal auch Unbehagen verlangt. Ich hoffe, dass es auf irgendeine Weise lohnend ist.

