Julia Hahn

Antigone - Skulptur
Image is loading

Sophokles’ Drama »Antigone«, entstanden in der athenischen Polis als Spiegel demokratischen Seins, ist ein wirkungsmächtiges Beispiel dafür, dass sich die Kunst seit der Antike Fragen zum Wesen der Demokratie stellt

Wie hegt man die Übermacht eines politischen Führers ein? Diese und andere Fragen rund um Demokratie als Staatsform sind 2500 Jahre alt – so alt wie die Demokratie selbst. Seine Meinung zu diesen Fragen bildete sich der Athener Bürger der ersten Demokratie der Geschichte im Theater, das dadurch eine zentrale politischen Institution darstellte. Die Tragödie spielte im Tarngewand von mythischen Stoffen aus vordemokratischen Zeiten erschütternde Modelle des Scheiterns im politischen Handeln durch, die den Athenern Einsichten über sich selbst und ihre Situation in der  Polis vermittelten. 

In »Antigone« verhandelt der Dichter Sophokles den Konflikt zwischen individuellem Recht und Staatsmacht. Kreon, der Herrscher Thebens, verbietet bei Todesstrafe, den Staatsfeind Polyneikes zu begraben. Mit dem Bestattungsverbot will Kreon ein Exempel setzen, um Theben vor Verrätern zu schützen – er folgt darin seiner Pflicht als Stadtherr. Dabei verliert er sich aber in seiner Maxime, »das eigne Vaterland« an die erste Stelle zu setzen. Denn mit dem starren Festhalten an »Theben first!« negiert er ein gottgegebenes Gesetz: die Pflicht der Menschen, ihre Toten zu begraben. Antigone, Polyneikes’ Schwester, begehrt gegen dieses Verbot auf. Den »ewig gültigen Gesetzen« der Götter und der Fürsorge für die Familie fühlt sie sich mehr verpflichtet als der Willkür der »Ein-Mann-Herrschaft« Kreons. Sie bestattet ihren Bruder und wird dafür von Kreon lebendig begraben. Allen Warnungen seiner Umgebung begegnet Kreon mit Hybris und Verdächtigungen, Beschimpfungen und überzogenen patriarchalischen und autoritären Denkweisen. Als er endlich – aus Furcht vor der angedrohten Rache der Götter – nachgibt, ist es zu spät, die Katastrophe ist bereits eingetreten: Antigone, sein Sohn und seine Ehefrau sind tot. Sie haben sich der Tyrannei durch Selbstmord entzogen. 

Kreon handelt eigenmächtig, und darin liegt der Ursprung der Tragödie. Hätte er die Pluralität der Meinungen gelten lassen, hätte er Respekt vor einem überstaatlichen Prinzip gezeigt, so Sophokles’ Botschaft, wäre die Katastrophe nicht eingetreten. In Antigone, Kreons Gegenüber, dieser frei agierenden Frauengestalt, die unabhängig von politischen Normvorstellungen und im Einklang mit ihrer familiären und göttlichen Pflicht handelt, warnt Sophokles vor der Gefahr eines übersteigerten Polisverständnisses der rein männlichen Bürgergesellschaft.

Die Nachwirkung der Antigone ist unermesslich. Bis heute wird die Tragödie des Sophokles weltweit rezipiert, aufgeführt, neu interpretiert. Der gewaltfreie Widerstand einer frei Denkenden gegen die hybrische Unvernunft eines übermächtig Herrschenden besitzt – leider – gerade heute wieder brennende Aktualität.

21/10/26
Important information 21/10/26
Wed, 6.30 PM ∙ Schubert-Saal
Solistisches Literatur

Marie-Luise Stockinger / Katharina Lorenz / Miriam Adefris

Sophokles: Antigone

25303335,–
Image is loading