Les femmes

Resonanzen
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»Den frauen vorschreiben zu wollen, sie müßten ihr haar lang tragen, da das lange haar lustgefühle erzeuge, und die frauen nur dazu da sind, diese erotische spannung zu verschaffen, ist eine frechheit.«

from Peter Reichelt

Das schreibt der »Held der Neuen Sachlichkeit« unter den Architekten, Adolf Loos – ein hartnäckiger Verfechter der schon von den Brüdern Grimm befürworteten Kleinschreibung übrigens –, anno 1928 in seiner Philippika gegen das, was mann damals immer noch mit »Frauenliebe und -leben« gleichsetzte, unter dem Titel »Kurze haare«. »Weshalb lange haare weiblich und kurze männlich sein sollen – darüber mögen sich die alten weiber unter den männern den leeren kopf zerbrechen«, zieht Loos unmittelbar vor der eingangs zitierten Passage vom Leder und legt damit den Finger in eine offene Wunde: die der Mode.

Mode, Moral & Geschlechterrollen im historischen Wandel
Ganz abgesehen davon, dass frühneuzeitliche Kleiderordnungen für eine ständisch strukturierte Gesellschaft durchaus sinnvoll waren, klafft bis heute diese Wunde zwischen zeitbedingten (Schönheits-)Idealen und ihrem moralischen Widerstand dagegen. 
Dabei sind da doch Frauen und Männer immer schon gleichgestellt. Auch Männer sind einem modischen »Gefallzwang« ausgesetzt; und auch, wenn es bei den ­»Resonanzen« diesmal ausdrücklich um »Les femmes« gehen soll, kann das doch nur wiederum bedeuten, eine mehr oder weniger fokussierte Perspektive auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern einzunehmen; soll heißen: ihr Verhältnis zueinander und wie es sich im Lauf der Zeit manifestiert bzw. verändert hat. 

Geschlechterbilder von der Antike bis zur Popkultur
Nicht allein, dass heute das binäre Genderdenken überhaupt längst überholt ist – Frauen hatten keineswegs immer einen schwachen Stand in der Gesellschaft. Sie hatten und haben es oft schwer, aber sie hielten immer auch gewaltige Trümpfe in der Hand. Hier führt ein gerader Weg von Aristophanes’ »Lysistrata« bis zur Figur der Toni Sackbauer in Reinhard Schwabenitzkys Kultserie »Ein echter Wiener geht nicht unter« und weiter. Die vielleicht älteste und hartnäckigste Mär vom »starken und schwachen«, vom »leidenden und wirkenden« Geschlecht, die sich scheinbar unmittelbar aus der Natur herleitet, wurde schon sehr früh durch die reale Komplexität der herrschenden Verhältnisse irritiert.  

Die Goncourts und das Zeitalter der Salons
Die Brüder Edmond und Jules ­Goncourt – beide aus ihrer Gegenwart des 19. Jahrhunderts heraus übrigens leidenschaftliche Frauenverächter und dennoch zwei ihrer verdienstvollsten frühen Porträtisten – konstatierten 1862: »Die Frau war im 18. Jahrhundert das regierende Prinzip, der führende Verstand, die befehlende Stimme. Sie ist die allumfassende und verhängnisvolle Ursache, die Wurzel der Ereignisse, der Ursprung aller Dinge. […] Sie hat alles in ihrer Gewalt: den König und Frankreich, den Willen des Herrschers und die Macht der öffentlichen Meinung. Sie gebietet bei Hofe und ist die Herrin im Hause. Die Umwälzungen in Bündnissen und Systemen, Krieg und Frieden, Wissenschaften und Künsten, die Mode des 18. Jahrhunderts ebenso wie seine Geschicke – alles hat sie in der Tasche und zwingt es unter ihre Launen und Leidenschaften.«

Von Galuppi bis Fellini
Wie man sich so eine Frauenherrschaft anno 1762 vorgestellt hat, illustriert Baldassare Galuppis Dramma giocoso »L’uomo femmina« zum Beschluss der aktuellen Festival-Ausgabe. Fellinis Meisterwerk »La città delle donne« von 1980 stimmt darauf – unter verstecktem Bezug auf ­Christine de Pizan (1364 – nach 1430), die erste professionelle Schriftstellerin und Autorin des »Livre de la Cité des dames« – im Neuen Salon ein.

Alte Musik und neue Perspektiven auf weibliche Geschichte
Ein Festival der Alten Musik ist nicht dazu da, aktuelle gesellschaftspolitische Fragen zu beantworten. Es kann sie höchstens schüren und zur Kenntnis ihrer Geschichte beitragen. Von den vielen Frauengestalten, die im Laufe der Jahrhunderte das althergebrachte Geschlechtermodell unterliefen, konnte nicht einmal eine Handvoll aufgegriffen werden.

Barbara Strozzi, Salome und Maria: Weibliche Figuren jenseits der Klischees
Deshalb wird durch Romina ­Lischkas Hathor Consort mit Barbara Strozzi auch nur eine Komponistin porträtiert. Deshalb kommt Jeanne d’ Arc nicht vor – obwohl kurzer Haarschnitt und Männerkleidung schwerwiegende Anklagepunkte in ihrem Prozess waren – sondern die »böse Gräfin« Elisabeth Báthory als Gegenpol zur »lieben, braven Frau«. Darum wird »Notre Dame« Maria durch das Huelgas Ensemble als »die eine für alle« mit mittelalterlicher Männermusik umgarnt, der Zeitgenossen gleichwohl vorwarfen, extrem »weibisch« zu klingen. Daher möchte The Fine Hand die sechs Gemahlinnen Heinrichs VIII. als Frauen mit ihren ganz persönlichen Wünschen und Sehnsüchten zeigen und gerade deshalb versucht das barocke Gambenduo Intesa in Begleitung von Arsen Petrosyan und seinen armenischen Freunden ein neues Bild von Salome zu entwerfen. Dorothee Oberlinger und Bruno de Sá spielen dann im Rahmen des aktuellen Essenskonzerts vollends mit der Auflösung der »Sexes«. 

Musizierende Frauen zwischen kirchlichem Verbot und gesellschaftlichem Skandal
Dies alles ermöglicht uns die herzhafte Vernachlässigung von Verdikten wie des von Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther ausgerufenen »Mulieres in ecclesiis taceant!« (›Die Frauen sollen in euren Versammlungen schweigen!‹), gewisser bildungsimmanenter Vorbehalte in Humanismus und Renaissance gegen das erwerbsmäßige Musizieren von Frauen oder einer dezidiert (auch) kleidermodisch argumentierenden Polemik gegen jedwede »grimassierende« bzw. »unschickliche« Gebärden einnehmende weibliche Musikausübung – als das Spiel auf blasenden und solchen Instrumenten, bei denen der Mensch die Beine spreizen muss –, wie sie Carl Ludwig Junker 1783 »Vom Kostüm des Frauenzimmer Spielens« formulierte. Etliche Berichte musikalischer Reisender aus dem Venedig des frühen 18. Jahrhunderts zeigen, wie sehr sich christliche Dogmen, Geschlechterstereotype und männliches Kopfkino zu einer Skandalisierung weiblichen Musizierens verschworen. 

Venedig, Vivaldi und das berühmte Mädchenorchester der Pietà
Venedig, damals ein Hot-Spot für Kultur- und Sextouristen, besaß in dem von Antonio Vivaldi aufgebauten und fast dreißig Jahre geleiteten Mädchenorchester des Waisenhauses Ospedale della Pietà eine Hörenswürdigkeit der Extraklasse. Vivaldi war zu seiner Zeit ein hochmoderner Komponist und vor allem durch die typische Verwendung musikalischer Sequenzen (also der mehrmaligen Wiederholung derselben Phrase auf unterschiedlichen Tonstufen) zu einem unverwechselbaren Personalstil gelangt, der selbst Bach nicht schreckte, die Werke seines berühmten Zeitgenossen intensiv zu rezipieren und parodieren. 

Jordi Savall und die Hommage an ein weibliches Spitzenorchester
Jordi Savall eröffnet daher mit seinen Musiciennes du Concert des Nations die diesjährigen »Resonanzen« mit einer Hommage an diese venezianische Attraktion eines rein weiblichen Spitzenorchesters unter der Leitung eines Komponisten en vogue. 

Ambivalenz des Fortschritts
Dass aber ein Aufbegehren gegen Mode und Zeitgeist noch lange kein Garant für allumfassend fortschrittliche Gesinnung ist, das beweist nicht zuletzt die Geschichte von Adolf Loos: 1928 – im selben Jahr als er den Artikel »Kurze haare« verfasste und fast auf den Tag genau 200 Jahre nach Vivaldis schicksalhafter Begegnung mit dem Vater der damals 11-jährigen Maria Theresia, Kaiser Karl VI., in Triest – wurde er von der Wiener Polizei unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs verhaftet. Zwei Mädchen (und später ein drittes) im Alter von acht und zehn Jahren beschuldigten Loos, sie im Zuge von Aktsitzungen unsittlich berührt zu haben. Loos verbüßte daraufhin eine bedingte dreijährige Freiheitsstrafe. Die soziale Herkunft dieser Mädchen im »proletarischen Milieu«, wie Loos das nannte, reflektiert die Masse verdienstvoller Frauen, die im Rahmen dieser »Resonanzen« aus überlieferungstechnischen Gründen musikalisch nicht hinreichend gewürdigt werden können. Ihnen aber sei diese Ausgabe gewidmet.