Musikreisen Wien

Wien – die Stadt der Musik: Dazu gehören nicht nur Mozart, Schubert, Strauß und Mahler, sondern auch das Wienerlied. Herbert Zotti, langjähriger Leiter des Wiener Volksliedwerks und Mitglied des Teams von »weanhean«, gibt einen kurzen Abriss zu dessen Ursprüngen
from HERBERT ZOTTIBeim Heurigen. Postkarte der Wiener Werkstätte, Moriz Jung 1911 (Wien Museum online)
Die Geschichte des Wienerliedes ist lang – etwa 200 Jahre. Entstanden im Biedermeier aus den Liedern der Bänkelsänger:innen und Harfenist:innen, den Liedern der Altwiener Volkskomödie sowie zahlreicher weiterer Quellen (Volksliedern, Gassenhauern, Küchenliedern), entwickelt von den »Volkssängern«, die in kleinen Formationen (»Volkssänger-Gesellschaften«) mit eigener Konzession in Gasthäusern und Heurigenlokalen spielten. Sie waren keine Bettelmusikanten mehr, wie ihre Vorläufer, sondern präsentierten fixe Programme zu fixen Zeiten gegen festgelegtes Eintrittsgeld. Im Laufe der Zeit wurden die Lieder musikalisch und textlich anspruchsvoller, auch weil sich hochkarätige Komponisten und Texter dieses Genres angenommen haben.
Heurigenlokale als Nährboden
Ein wichtiges Biotop des Wienerliedes, die Heurigenlokale in den Vororten, waren deswegen so beliebt, weil der Wein und die Speisen dort erheblich billiger waren als in der Stadt. Grund dafür war die »Verzehrungssteuer«, die ab 1829 an der Stadtgrenze, dem Linienwall, eingehoben wurde. Deswegen haben sich auch viele Tanz- und Unterhaltungs-Etablissements in den Vororten angesiedelt. Selbst der Sonntagsausflug der Wiener:innen »ins Grüne« war weniger der Gesundheit als dem Geldbeutel geschuldet. Als um 1890 die Vororte eingemeindet wurden, hat man die Steuer auf das gesamte Gebiet erweitert. In der Folge ist die Unterhaltung wieder ins Zentrum gewandert.
Urbane Volksmusiken von Paris bis Buenos Aires
Zurück zur Musik: Das Wienerlied hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert. Viele musikalische Moden wie Fox, Shimmy, Jazz und Blues hat es verdauen müssen, später dann noch Rock-Pop und Rap. Aber das ist kein Spezifikum: Urbane Volksmusiken, dieses Produkt der Unterhaltungskultur für die rasend schnell wachsenden Städte im 19. Jahrhundert, gibt es nahezu weltweit. So hat Paris sein neues Chanson und seine Musette, Lissabon seinen Fado, Neapel seine Canzone, Havanna die Habanera, Buenos Aires (& Montevideo) den Tango usw. Sie alle waren den gleichen musikalischen Moden ausgesetzt, und etliche davon haben die Herausforderung, sich selbst treu und erkennbar zu bleiben, irgendwie bewältigt.
Bei all diesen Stadtmusiken ist es wichtig, neben der musikalischen Seite den sozialen Kontext zu beachten. Sie waren nicht die Unterhaltung für die »bessere Gesellschaft«, sondern für das Kleinbürgertum und das durch die Industrialisierung entstandene Proletariat, in Wien damals zum großen Teil bestehend aus Zuwanderern aus den Kronländern der Monarchie.
Tanz und Sprache als Wiege
Noch ein paar Worte zu einer wesentlichen musikalischen Eigenart: An der Wiege der Wienermusik bzw. der »Weana Tanz« steht der Landler (der »Deutsche Tanz« bzw. die »Allemande«) und damit der ungerade Takt, speziell der Walzer. Auch die Mehrheit der österreichischen Volkslieder sind ¾-Takter. Und diese tänzerische, beschwingte Taktart macht auch einen wesentlichen Teil des Flairs und den Charme des Wienerliedes aus. Damit es nicht zu gemütlich wird, gibt es daneben die Heurigenmärsche und andere geradtaktige Lieder. Wesentlich sind auch Sprache, Inhalt und viele weitere Kriterien. Neue Dialektlieder verwenden häufig eine eher unspezifische Musik im geraden Takt.
Aufgrund seiner Herkunft und Geschichte ist das Wienerlied »Bühnenlied« für eine oder maximal zwei Sänger:innen. Und es wird praktisch nie a cappella gesungen. Anfänglich begleitet von der Harfe, später vom Klavier, gelegentlich von der Zither, von einem »Packl« (Harmonika und Kontragitarre) oder einem »Schrammelquartett« (zwei Violinen, eine Kontragitarre, eine Harmonika oder G-Klarinette). Natürlich gibt es auch Heurigenlieder, bei denen zumindest der Refrain in größeren Formationen mitgesungen werden kann (»Es wird a Wein sein …«). Das sind dann aber eher »alkosoziale« als musikalische Phänomene.
Noch vieles gäbe es zu sagen … Auch über den Jodler/Dudler und die Instrumentalmusik, also die »Weana Tanz«. Dazu aber ein andermal.
Konzerttipps
Ernst Molden & Neue Wiener Concert Schrammeln
»mei liab«


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»30 Jahre Die Strottern – ollaweu nua feian«
