Synästhesie in der Musik

Vikingur Ólafsson
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Wie lässt sich ein Ton farblich beschreiben? Oder gar geschmackllich? Oder klimatisch? Von Liszt bis Ligeti reicht die Spur jener Musikschaffenden, für die Hören nie eindimensional war. Fünf Abende laden ein, Musik mit anderen Augen zu hören: ein Streifzug quer durch die Sinne

from LIZ REITTER

Einige hören Musik, einige wenige hören Farben und darüber hinaus. Klänge dürfen hier koloriert, Harmonien räumlich situiert erscheinen – wenn sich zwei oder mehrere Sinneseindrücke verschränken, spricht man von Synästhesie. Neurologisch gut dokumentiert und in der Musikgeschichte auffallend präsent, gilt dieses seltene angeborene Hörerlebnis als künstlerisch hochproduktiv und für Musiker:innen seit jeher als kreativer Turbo. 

Ach du grüne 109! 
Nicht von ungefähr lauscht Víkingur Ólafsson auf dem Cover seines aktuellen Albums dem heimischen Moos. Der isländische Starpianist bekennt Farbe, indem er Einblick in seine persönliche Hörpalette gewährt. Bei der Programmauswahl war die Farbwahl tonangebend, denn sobald der Grundton E erklingt, sieht Ólafsson einen Grünton. Und doch ist nichts daran dasselbe in Grün. Wie eine Vulkanlandschaft staffeln sich entlang seiner Wahrnehmung Nuancen, Texturen und Helligkeiten, geformt von der jeweiligen Tonalität, Rhythmik und Dynamik. Das Repertoire beginnt bei Johann Sebastian Bach, der nicht nur programmatisch, sondern auch biografisch ein Leitmotiv abgibt: Seine Goldberg-Variationen bescherten dem Pianisten internationalen Ruhm sowie einen Grammy. Als Hommage und zugleich als Kulminationspunkt widmet er sich Beethovens wohl bach-haltigster Sonate op. 109 in E-Dur. Islands wankelmütiger Witterung gleich ist dieses drittletzte Klavierwerk von Umschwüngen durchtränkt, voller eruptiver Gesten, die in entrückter Ruhe hellhörig werden. Für synästhetische Hörer:innen ließe sich sagen: ein Werk wechselnder Licht- und Temperaturverhältnisse. Eines, das niemanden kalt lässt.

Musikalische Farbkompositionen
Weitere klangfarbliche Akzente setzen Aufführungen, die zusehends unter die (Netz-)Haut gehen. Im Konzert mit Jörg Widmann, Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Pierre-Laurent Aimard erstrahlt Olivier Messiaens überzeitliches »Quatuor pour la fin du temps«, in dem der Komponist selbst ein »Wirrwarr von Regenbögen« zu hören sah.Für Alexander Skrjabin standen Klänge im Licht – sein Farbenklavier wurde zur Vision synästhetischer Bühnenkunst, in der Ton und Farbe korrespondieren. Sein »Vers la flamme« op. 72 bringt Gabriel Meloni in einer Lesung mit Michael Dangl zum Glühen. Von Jean Sibelius heißt es, er soll die Tonarten A-, C-, D- und F-Dur in Blau, Rot, Gelb und Grün rezipiert haben. Welche Färbung sein »Norden« op. 90/1 in f-moll annimmt, wird sich Eingeweihten in der Darbietung von Álfheiður Erla Guðmundsdóttir zeigen. Nicht zuletzt Franz Liszts legendärer Probenruf, man möge »ein bißchen blauer«, »ein tiefes Violett« und »nicht so rosa« spielen, wirft ein Schlaglicht auf die Farbdramaturgie seiner kaleidoskopischen Klangbilder, etwa der »Tarantella« aus »Venezia e Napoli«. Wer könnte diese besser zu Gehör bringen als Lang Lang, dem neben Farben auch popkulturelle Zeichentrickfiguren vorschweben sollen? Und so schwingt in jedem Werk, in jeder Interpretation eine ganz eigene Note mit: unverkennbar gefärbt und spielerisch im Zugriff!

Sounds für alle Sinne
Im Mai verdichten sich gleich mehrere solcher Abende, die nahezu eine Synergie der Sinnesdimensionen befördern. Vielleicht ihr eigentliches Schmankerl: dass sie uns kurz aus der Hörgewohnheit lösen. Dass Musik nicht nur im Ohr bleibt, sondern auf der Zunge liegt, ins Auge sticht und unseren Blick auf das Hören schärft. Ein Hochgenuss für alle Sinne, allenfalls.

13/05/26
13/05/26
Wed, 12.30 PM ∙ Schubert-Saal
Klavier Literatur

Michael Dangl / Gabriel Meloni

Thomas Mann: Buddenbrooks »Im Reich der Gedanken«

24293233,–
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19/05/26
19/05/26
Tue, 7.30 PM ∙ Berio-Saal
Lied & Arien
Rising Stars

Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Sopran

30,–
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21/05/26
21/05/26
Thu, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Solistisches Klavier
Klavierabend

Lang Lang

4474110144174205225245,–
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