Weihnachten in Italien

The Adoration of the Shepherds – Domenico Zampieri 1607
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Wie eine alte römische Weihnachtstradition Eingang in die Musik Georg Friedrich Händels und anderer Komponisten fand: Konzerte mit der Blockflötistin Dorothee Oberlinger und dem Trompeter Gábor Boldoczki

from ALEXANDRA ZIANE

Wann Georg Friedrich Händel genau nach Italien reiste, wissen wir nicht. Sein Weg führte ihn über Florenz nach Rom, wo er Ende des Jahres 1706 ankam. Demnach hat er dort erstmals eine italienische Weihnachtszeit erlebt. In Rom ist bis heute die zentrale Piazza Navona bekannt für ihren traditionellen Weihnachtsmarkt. Händler:innen verkaufen Spielzeug, Süßigkeiten und kunstvoll geschnitzte Krippenfiguren, eine Tradition, die aus Neapel nach Rom kam.

Die Piazza Navona: Barocke Kulisse und kultureller Treffpunkt
Seit dem 17. Jahrhundert ist der ovale Platz, ursprünglich ein antikes Stadion, umsäumt von prunkvollen barocken Palästen und Kirchen. In der Mitte steht der von Gian Lorenzo Bernini entworfene Vierströmebrunnen mit den Flussgöttern, die die damals bekannten vier Kontinente verbildlichen. Unablässig fließt aus dem Brunnen Wasser, mit dem Rom über antike Aquädukte so verschwenderisch gesegnet ist. Aus aller Herren Länder strömten damals schon Menschen in die ewige Stadt: Pilger, Handelsreisende, Kunstschaffende, Musiker:innen, Instrumentenbauer oder Aristokraten auf der Grand Tour.


Die Pifferari: Hirten als musikalische Boten der Weihnachtszeit
Zur Weihnachtszeit, ab dem 25. November, dem Tag der Hl. Katherina, an dem man begann, Feuer in den Kaminen anzuzünden, kamen traditionell Hirten aus den umliegenden Dörfern, vor allem aus den Abruzzen, aber auch aus Kampanien oder weiter aus dem Süden, nach Rom, um hier öffentlich zu musizieren. Die sogenannten Pifferari reisten in der Regel zu zweit oder zu dritt und verdienten sich so in der Winterzeit ihr Brot, indem jeweils der jüngere eine Schalmei (»piffero«), der ältere einen Dudelsack (»zampogna«) spielte. Dafür quartierten sie sich bei Gastgeber:innen in Rom ein, wo man ihnen Geld, Essen und Wein anbot. Zum Spielen positionierten sie sich vor Marienbildern in kleinen Altärchen, sogenannten »edicole«.

»Die Pifferari sind Hirten aus der Campagna, welche um Weihnachten nach Rom kommen und auf Dudelsäcken und Schalmeien vor jedem Madonnenbild eine wundersam rührende, uralte Melodie blasen.«
Fanny Lewald, »Italienisches Bilderbuch« (1847)

Zeitgenössische Beschreibungen der Hirtenmusik
Die deutsche Schriftstellerin Fanny Lewald beschrieb diese Tradition im 19. Jahrhundert, aber auch Hector Berlioz: »Die einzige Musik, die mich in Rom beeindruckt hat, ist eine Form populärer Instrumentalmusik, die meiner Meinung nach aus der Antike stammt – ich meine die Pifferari. […] Sie tragen meist weite Mäntel aus braunem Stoff und die gleichen spitzen Hüte wie Banditen; ihr Aussehen hat eine Art wilde Mystik, die voller Originalität ist. Ich habe Stunden damit verbracht, sie in den Straßen Roms zu beobachten, ihre Köpfe leicht über die Schulter geneigt, ihre Augen vor intensivem Glauben leuchtend, ihren Blick mit frommer Liebe auf die heilige Madonna gerichtet, fast so still wie das Bild, das sie verehren. Der Dudelsack, unterstützt von einem großen Piffero, der den Bass abgibt, erzeugt eine Harmonie aus zwei oder drei Tönen, über die ein mittelgroßer Piffero die Melodie spielt.«

Hirten in der christlichen Bildwelt
Die Pifferari erinnerten an die Hirten, Vertreter des einfachen Volkes, die laut Lukasevangelium als erste von Christi Geburt erfuhren: »… sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.«

Pastorale Klänge
In Bildern werden nicht umsonst häufig Hirten vor der Krippe mit Dudelsäcken dargestellt, dem Jesuskind ausgerechnet mit diesem durchdringenden Instrument ein Wiegenlied spielend. In Form von wiegenden Dreierrhythmen, in Terzen geführten Melodien über einem liegenden Bass, der von der Bordunpfeife des Dudelsacks inspiriert ist, prägten sie somit die sogenannten Pastoralen in der Musik. Diese finden sich in Arcangelos Corellis Concerto grosso in g-moll op. 6/8 »Fatto per la notte di Natale« (»angefertigt für den Hl. Abend«) ebenso wie in der Sinfonia, die den 2. Teil von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium eröffnet. Eines der berühmtesten italienischen Weihnachtslieder, »Tu scendi dalle stelle«, auch »Canzone dei zampognari« (»Lied der Dudelsackspieler«) genannt, auf einen Text des Hl. Alfonso Liguori, zählt ebenfalls zur selben Tradition.

Händel griff die Hirtenmusik in seiner »Pifa« im »Messias« auf, aber auch seinem Orgelkonzert F-Dur op. 4/5 HWV 293 ist der pastorale Charakter anzuhören. Schließlich bewegte er sich in Rom auch im Umkreis der sogenannten Accademia dell’Arcadia, die sich auf bukolische Dichter bezog und in ein imaginiertes Arkadien hineinversetzte, und die Einfachheit zu ihren Maßstäben erhob. Ihr gehörten etwa Arcangelo Corelli und Alessandro Scarlatti an, Komponisten in Diensten der musikliebenden Kardinäle Pietro Ottoboni, Francesco Maria Ruspoli und Benedetto Pamphil, die auch zu Händels Gönnern zählten. Pamphili hatte seine Residenz an der Piazza Navona, Ottoboni veranstaltete Konzerte im unweit gelegenen Palazzo della Cancelleria am Campo de’ fiori.

Zeitgenössische Interpretation der Tradition
Die Blockflötistin und Porträtkünstlerin Dorothee Oberlinger präsentiert ein pastorales Programm mit ihrem Ensemble 1700 und originalgetreuen Instrumentalisten von Li Piffari e le Muse. Matthias Brandt liest dazu italienische Weihnachtstexte. 

Barocke Weihnacht in der Lagune
In Venedig hielt sich Händel nachweislich erst 1709 auf, wo zu dieser Zeit u. a. Antonio Vivaldi wirkte. In das weihnachtliche Venedig der Barockzeit begeben sich Startrompeter Gabor Boldoczki und Sergej Nakariakov mit dem Gabetta Consort unter der Leitung von Andrés Gabetta. In ihrem Programm erklingen neben einer Pastorale von Lorenzo Gaetano Zavateri Konzerte von Antonio Vivaldi in Bearbeitungen für Trompete(n) und Flügelhorn sowie von Francesco Geminiani, Pietro Locatelli und Alessandro Marcello.

08/12/2025
08/12/25
Mon, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Solistisches Alte Musik & Originalklang

Gabetta Consort / Boldoczki / Nakariakov / Andrés Gabetta

»Festliche Trompetenmusik zur Adventzeit«

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15/12/2025
15/12/25
Mon, 7.30 PM ∙ Großer Saal
Alte Musik & Originalklang Literatur

Ensemble 1700 / Li Piffari e le Muse / Mields / Brandt / Oberlinger

»Pastorale«

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