11.000 Saiten

50 fein verstimmte Klaviere, 11.000 Saiten und ein Kammerorchester: die Gischt hunderter Wellen und der Gesang von anderen Planeten. Georg Friedrich Haas’ singuläre Vision kommt zurück nach Wien
Die Musik der kleinsten Intervalle und ihre Phänomene lassen sich physikalisch gut erklären: Schwebungen, Verschiebungen in der Harmonizität und im Obertonspektrum. Doch was im musikalischen Hören geschieht – jenes eigentümliche Flirren, die nuancierten Farbveränderungen, der Sog des stufenlosen Gleitens –, das gleicht Magie. Diese lässt sich bereits mit zwei Saiten hervorrufen; in »11.000 Saiten« stehen Georg Friedrich Haas (*1953 in Graz) nun ebenso viele zur Verfügung. Er, der wie kaum ein anderer die Schönheit der mikrotonalen Welt zu formen versteht, lässt daraus gemeinsam mit 50 Pianist:innen der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und dem Klangforum Wien etwas entstehen, das mehr einem visionären Traum als der Wirklichkeit gleicht.
Den zündenden Funken lieferte Peter Paul Kainrath, der künstlerische Leiter des Klangforum Wien und selbst Pianist, bei einem Besuch der Hailun-Klavierfabrik im chinesischen Ningbo. Dort werden neu gebaute Klaviere, noch bevor sie das Werk verlassen und fein gestimmt sind, zu Testzwecken in einer Halle automatisch von Maschinen angespielt – ein surreales Klangerlebnis. Kainrath war derart fasziniert, dass er sofort zum Telefon griff, um Haas davon zu erzählen. Was folgte, war ein künstlerisch und logistisch revolutionärer Coup.
Jedes der 50 Klaviere in Haas’ Werk ist gegenüber dem jeweils nächsten um exakt zwei Cent verstimmt – jene winzige Differenz zwischen der temperierten und der schwebungsfreien Quinte. Aus den üblichen zwölf Tönen pro Oktave werden so 600; ein fast stufenloses Spektrum. Haas verschmilzt die über 11.000 Saiten zu einem einzigen Superinstrument. Zwischen den kreisförmig angeordneten Klavieren sitzen die mit Timecodes synchronisierten Solist:innen des Klangforums. Sie greifen Farben und Töne der Klaviere auf, verstärken sie, spiegeln sie zurück in den Raum. Haas vergleicht diese Anordnung mit einem riesigen Getriebe aus lauter Uhren, in dem jede einzelne ein wenig anders geht und trotzdem – oder gerade deshalb – alles zusammenstimmt.
Die Musik beginnt mit einem Vorspiel, das von strahlendem C-Dur in ein noch leuchtenderes A-Dur übergeht. Durch die feinen Abstufungen können die Intervalle in reiner Stimmung erklingen – auskomponierte Nostalgie einer vergangenen harmonischen Welt, schöner und intensiver, als sie je gewesen ist. Zugleich justieren diese ersten Akkorde unser Hören neu.
Doch der eigentliche Zauber beginnt erst danach: komplexe Farben, Wolken aus Klang, aus denen sich Töne lösen. Ein schwereloses Hören, befreit vom Ballast statischer harmonischer Ordnungen, hinein in den stufenlosen Raum.
Dort komponiert Haas mit Obertonspektren, die an vertraute Klänge
erinnern. Immer wieder scheinen etwa Chorstimmen aus den Klavieren aufzusteigen – als hätte er Zugang zu einem Archiv aller nur erdenklichen Klänge. Aus ihnen schöpft er harsche, unheimliche Donnerschläge ebenso wie zarte Imitationen oder ein Rauschen wie die Gischt hunderter sich brechender Wellen – zahllose, wellenförmig ineinander verschachtelte Klavierläufe, zugleich statisch und innerlich hoch bewegt. Ändert sich das Spektrum der Läufe, ist es, als würde sich das Meer selbst verschieben.
Wenn wieder isolierte Akkorde und Figuren wie zu Beginn erscheinen, wird man kurz daran erinnert, dass es auch noch andere Musik geben kann als diesen Rausch – und lässt doch das nostalgische Gefühl mit Lust auf die Gischt zugleich wieder hinter sich. Man durchlebt die Verwirklichung eines durch und durch musikalischen Traums.