Die Renaissance der hohen Männerstimmen

Die barbarische Praxis der Kastration ist bereits in der Antike belegt, ihre konkreten Ursprünge bleiben allerdings im Dunkeln. Wurde die Kastration vor der Pubertät durchgeführt, verhinderte sie den Stimmbruch und ermöglichte so den Erhalt der hohen Stimme
von ALEXANDER FLORKastraten erobern Europas Bühnen
Ab dem 16. Jahrhundert hielten Sängerkastraten Einzug in die europäische Kunstmusik – zunächst in der Kirchenmusik, später in der Oper, wo sie Götter und Helden verkörperten. Ihrem Publikum galten diese Sänger damals nicht als weniger männlich als ihre unversehrten Zeitgenossen – ganz im Gegenteil: Als Wesen jenseits herkömmlicher Geschlechterrollen wurden sie geradezu wie Götter verehrt; anachronistisch betrachtet waren sie die Superstars der Barockzeit. Ihre Stimmen galten als veredelt, ihre Ausbildung war umfassend und anspruchsvoll.
Die Anatomie der Ausnahmestimmen
Die körperlichen Folgen des Eingriffs – etwa ein ungewöhnlich großes Lungenvolumen und ein besonders beweglicher, kleiner Kehlkopf – führten zu stimmlichen Fähigkeiten, die ihresgleichen suchten: Oft berichtet wird vom Aushalten scheinbar endlos langer Töne und der Bewerkstelligung atemberaubender Koloraturen. Komponisten wie Händel oder Vivaldi fertigten maßgeschneiderte Arien für diese Sänger an: Was Farinelli oder Caffarelli in die Kehle komponiert worden ist, versuchen sich die Countertenor-Virtuosen im 21. Jahrhundert ebenfalls anzueignen.
Countertenöre und ihr historisches Erbe
Heutige Countertenöre – also Männer, die ihre Kopfstimme nach dem Stimmbruch perfektioniert haben – sehen sich gerne in der Tradition dieser legendären Sänger. Tatsächlich existiert aber eine eigene, jahrhundertealte Praxis des Countertenor-Gesangs, in der der »Kontratenor« ursprünglich schlichtweg die Gegenstimme zum Tenor im Chorsatz bezeichnete. Der Countertenor als Solist, sich selbst als Sopranist oder Altist bezeichnend, ist hingegen eine jüngere Erscheinung: Seit wenigen Jahrzehnten ist sie fester Bestandteil der Opern- und Konzertszene; besonders durch die Alte-Musik-Bewegung und ihre Bemühungen um die Rekonstruktion historischer Klangverhältnisse wurde die hohe Männerstimme zu einem der Aushängeschilder des »Originalklangs«.
Was wurde aber aus den Darstellern der barocken Opernhelden? Mit dem Wandel gesellschaftlicher Werte verlor auch der Kastrat als idealisiertes Bild des stilisierten Mannes an Strahlkraft. Aristokratische Verhaltenscodes, die durch die Kastraten verkörpert wurden, wirkten zunehmend künstlich – das Bild des Starkastraten verblasste. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm der »natürliche« Heldentenor Anlauf für seinen Siegeszug und verdrängte damit zunehmend die hoch singenden Gesangsvirtuosen.
Kastraten im Roman und Film
Seit den 1970er-Jahren erleben Kastraten allerdings eine Art Renaissance – glücklicherweise nur in der Sphäre des Fiktionalen: Anne Rice und Margriet de Moor machten sie zu Protagonisten ihrer Romane, Gérard Corbiau setzte Farinelli in den 1990er-Jahren filmisch in Szene. Historische Kenntnisse über die Kastratenkörper flossen zwar in diese Erzählungen ein, doch wurde das Bild selektiv modernisiert: Die heutigen Darstellungen spiegeln Körper wieder, die meist aktuellen Schönheitsidealen entsprechen. Und selbst auf der Klassik-Bühne geht es derzeit um mehr als nur um eine Renaissance des Kastratengesangs im Sinne einer historisch informierten Aufführungspraxis. Bezeichnet man Popstars wie Michael Jackson, David Bowie oder Sam Smith zwar gemeinhin nicht als Countertenöre, so bereitete ihr Erfolg dennoch einen Nährboden für das Phänomen hoch singender Männer auf der Konzertbühne.
Popkultur und die hohen Männerstimmen
Die Grenzen zwischen Klassik und Pop wackeln ohnehin gehörig – eindrucksvoll bewiesen etwa durch den Countertenor JJ, der mit einer Mischung aus Popsong, Techno-Track und Opernarie heuer den -Eurovision Song Contest für Österreich gewonnen hat. Jakub Józef Orliński wird Popstar-Appeal attestiert, zudem wird der Countertenor als Entdecker barocker Raritäten gefeiert. Er verkörpert ein Phänomen, das man fachsprachlich als »rezeptionsästhetische Konvergenz« bezeichnen kann – gemeint ist damit eine kreative Verschmelzung von Alt und Neu, Barock und Pop, unterschiedlichen Männlichkeitsbildern und scheinbar gegensätzlichen Kultursphären.
»Mein Ziel ist es, die anspruchsvollsten Frauenrollen zu singen – nicht nur im Barock, sondern auch im Repertoire des 19. Jahrhunderts. Oper ist Ausdruck menschlicher Gefühle, und Gefühle haben kein Geschlecht.«
Pygmalion / Pichon
Bach: Matthäuspassion

Pygmalion / Pichon
Bach: Matthäuspassion

a nocte temporis / Van Mechelen



