Es war einmal …

Daphnis and Chloe von Camille Félix Bellanger
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Märchen und Geschichten, in denen der Tanz eine zentrale Rolle spielt, zählen klarerweise seit jeher zu den beliebtesten Sujets des Balletts. Ravels »Daphnis et Chloé«, Strawinskis »Le sacre du printemps« sowie Prokofjews »Aschenbrödel« stehen im Herbst im Mittelpunkt von Konzerten dreier Spitzenorchester

von Annelie Lechner

Daphnis et Chloé
Es waren einmal auf der sonnendurchfluteten Insel Lesbos ein Hirtenjunge namens Daphnis und ein Hirtenmädchen namens Chloé. Beide waren Findelkinder und mit Schafen, Ziegen und dem Rauschen der Olivenhaine aufgewachsen. 

Erst wurden sie Freunde, dann verliebten sie sich ineinander, ohne ihre Gefühle zunächst recht deuten zu können. Ihrer Liebe stellten sich viele weitere Hindernisse in den Weg: Piraten entführten Chloé, und reiche Familien wollten über das Schicksal der zwei Liebenden bestimmen. Trotz aller Widrigkeiten blieben sie einander treu. Als sich beide schließlich als Kinder angesehener Familien erwiesen, stand ihrer Verbindung nichts mehr im Wege. Daphnis und Chloé feierten eine große Hochzeit und lebten glücklich miteinander.

Soweit der Handlungsumriss des wohl berühmtesten Liebesromans der Antike. Im frühen 3. Jahrhundert schilderte der griechische Schriftsteller Longos, wie seine beiden Protagonist:innen behutsam die Liebe entdecken. Maurice Ravel verwendete den antiken Stoff auf Anregung des Impresarios Serge Diaghilew. Über die Entstehung seiner als Tanzsymphonie angelegten Komposition für die legendären Ballets Russes merkte Ravel an: »Als ich die Musik dazu schrieb, war es meine Absicht, ein ausgedehntes Klangfresko zu kom-ponieren, wobei ich mich weniger um Archaik kümmerte als um die Treue eines Griechenlands meiner Träume.«

Dem Ballett entnahm Ravel zwei Orchestersuiten, wobei die Suite Nr. 2 eines der meistgespielten Werke Ravels überhaupt ist. Alleine im Wiener Konzerthaus wurde sie bereits über vierzigmal aufgeführt – im Oktober ist sie in der Interpretation des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter dem Dirigat von Alan Gilbert zu hören. Sie besteht aus drei nahtlos ineinander übergehenden Teilen, die den glücklichen Ausgang der pastoralen Geschichte schildern. Dabei bildet die »Danse générale« den krönenden Abschluss: ein mitreißendes Bacchanal, in dem Daphnis und Chloé ihr Wiedersehen feiern. Es wird von einem treibenden 5/4-Takt und komplexen orchestralen Klangfarben dominiert.

Le sacre du printemps
Es war einmal, in einer mythischen Vorzeit: Als nach langem Winter die Erde zu neuem Leben erwachte, versammelte sich eine Gemeinschaft zu einem großen Frühlingsfest mit Musik und Tanz. Die Menschen glaubten, dass die Natur nur dann wieder erblühen könne, wenn ihr ein besonderes Opfer dargebracht werde. Unter den jungen Mädchen wurde deshalb eine Auserwählte bestimmt. Während die Weisen des Stammes feierliche Gebete verrichteten und sich die Menge in rituellen Kreisen bewegte, führte die Auserwählte einen immer ekstatischeren Tanz auf. Mit jedem ihrer Schritte schien die Kraft der Erde stärker zu werden. Als das Mädchen erschöpft zusammenbrach, war das Frühlingsopfer vollzogen.

Die archaische Handlung von »Le sacre du printemps« basiert auf keiner literarischen Vorlage, sondern auf einer spontanen Eingebung Igor Strawinskis: »Als ich in St. Petersburg die letzten Seiten des ›Feuervogels‹ niederschrieb, überkam mich eines Tages – völlig unerwartet, denn ich war mit ganz anderen Dingen beschäftigt – die Vision einer großen heidnischen Feier: Alte angesehene Männer (›Die Weisen‹) sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das zufällig ausgewählt wurde und geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen.«

»Daphnis et Chloé« wurde 1912 im Pariser Théâtre du Châtelet von Serge Diaghilews Ballets Russes erstmalig aufgeführt. »Le sacre du printemps« wurde auch für dieses bedeutende Ballettensemble komponiert. Die Uraufführung 1913 im Théâtre des Champs-Elysées ging als einer der größten Skandale in die Musikgeschichte ein. Die neuartige, rhythmisch komplexe Musik und die unkonventionellen Tanzschritte sowie Kostüme lösten im Publikum einen gewaltigen Tumult aus. Keine romantische Märchengeschichte, sondern ein unerbittliches heidnisches Ritual stand in diesem Ballett im Mittelpunkt des Geschehens. 

Das Werk kulminiert in der »Danse sacrale«, dem »Opfertanz«. Atemlose polyrhythmische Strukturen und brachiale Schlagwerkeinsätze, scharfe Bläserrufe, massive Klangblöcke der Streicher: All das steigert sich, bis sich die Auserwählte zu Tode tanzt, musikalisch antwortet darauf eine Reihe vernichtender Orchesterschläge. Die Musik bricht am Ende mit einem monumentalen Schlussakkord ab. Dem musikhistorisch so bedeutenden Werk widmet sich Markus Poschner anlässlich seines Antrittskonzerts als Chefdirigent des RSO Wien. 

Aschenbrödel
Es war einmal … Nun, die Geschichte von Aschenbrödel dürfte, in welcher Version auch immer, durchaus bekannt sein. Vom »Aschenputtel« zur Prinzessin: Mithilfe von Magie ermächtigt sich hier das Gute gegen das Böse, allen gesellschaftlichen Barrieren zum Trotz. 

Sergej Prokofjew wandte sich dem berühmten Märchen in der Version von Charles Perrault, also der mit der guten Fee und nicht mit dem zauberischen Haselnussbaum, während der Kriegsjahre zu. Die Arbeit an dem Ballett begann Prokofjew bereits 1940, er komponierte zunächst jedoch noch seine Oper »Krieg und Frieden«, bevor das farbenreiche Ballett am Moskauer Bolschoi-Theater 1945 seine Premiere feierte. Über seine Absichten schrieb der Komponist: »Ich wollte die poetische Liebe zwischen Aschenputtel und dem Prinzen darstellen – das Entstehen und Erblühen dieses Gefühls, die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, und die Verwirklichung des Traums.« 

Wie schon bei »Romeo und Julia«  komponierte Prokofjew hier eine Musik voller tänzerischer Eleganz. Zu den bekanntesten Nummern zählt der opulente »Große Walzer«, der den glanzvollen Höhepunkt des Balles leicht ironisch und schwungvoll einfängt – und mittlerweile als einer der schönsten Walzer des 20. Jahrhunderts gelten kann. Dirigentin Elim Chan stellt für ihre drei Konzerte mit den Wiener Symphonikern im Oktober eine eigene Auswahl von Auszügen aus dem Ballett und der ersten Orchestersuite zusammen: märchenhaft!

 

01/10/26
01/10/26
Do, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Klavier Orchester

ORF Radio-Symphonieorchester / Gigashvili / Poschner

Antrittskonzert Markus Poschner

294152617378,–
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05/10/26
05/10/26
Mo, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester Solistisches

Wiener Symphoniker / Kremer / Chan

2952678299107,–
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06/10/26
06/10/26
Di, 19.30 Uhr ∙ Großer Saal
Orchester Solistisches

Wiener Symphoniker / Kremer / Chan

2952678299107,–
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