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«Carmina Burana» und der historistische Modernismus

von Wiener Konzerthaus

Von Alexander Wilfing

Am 27., 28. und 29. Juni 2013 erklingen im Wiener Konzerthaus zwei Werke unter der Leitung Gerald Wirths und der Wiener Singakademie, deren letzteres die musikalische Fachwelt seit ungefähr siebzig Jahren anhaltend beschäftigt: Wolfgang Rihms «Tutuguri/Poème dansé» (1980–1982) und Carl Orffs «Carmina Burana» in der instrumental reduzierten Bearbeitung Wilhelm Killmayers (1936/1956). Ohne hier auf die noch immer umstrittenen Bedingungen seiner historischen Entstehung einzugehen, sollen hier kurz die ästhetischen sowie musikhistorischen Parameter dieses populären Werks erläutert werden, die vor allem dafür gesorgt haben, dass sich Orffs Stück einer bis heute anhaltenden Beliebtheit erfreut.

Die Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, sofern sie deutscher Herkunft waren und sich vokalen Kompositionen widmeten, standen vor einem grundlegenden Dilemma: Die theoretischen Geschichtskonstruktionen des 19. Jahrhunderts, die man auch noch in Schönbergs Schriften verfolgen kann, hatten einen klassischen Kanon gebildet, der spätere Generationen zu einem bestimmten historischen Erbe verpflichtete. Die Geschichte der deutschen Musik, meist beginnend bei J.S. Bach und endend bei dem jeweils schreibenden Komponisten, verkörperte eine teleologische Entwicklung, in der neue Musik im Sinne Hegels «aufgehoben» war. «Neue» Musik musste sich somit immer avanciertere Formstrukturen schaffen, die an den historischen Kanon rückgebunden wurden und in eine kontinuierliche musikalische Evolution eingebunden waren.

Dieses Modell galt auch noch für Schönbergs Dodekaphonie, die als legitim-logische Fortsetzung der westlichen Musik verstanden wurde und dieser «die Vorherrschaft für die nächsten hundert Jahre» sichern sollte. Orff, welcher der neuen Methodik der «Zweiten Wiener Schule» nicht folgen wollte und durch die zeithistorischen Bedingungen auch gar nicht hätte folgen können, stand somit vor dem eminenten Problem, neue Wege aufzubauen, ohne sich der aktuellsten Strömung anzuschließen: modern sein, ohne modern zu wirken. Stravinskys Schaffen – im damaligen Deutschland zwiespältig aufgenommen – und dessen konsequente Emanzipation des rhythmischen Elements bot ihm dabei einen geeigneten Ansatzpunkt, der in «Carmina Burana» mit einer faszinierenden historistischen Lösung verbunden werden konnte.

Ohne Kenntnis einer mittelalterlichen Neumen-Notation und im freien Rückgriff auf melodische Modelle des 16. und 17. Jahrhunderts schuf Carl Orff ein historisches «Gemälde», dessen zwiespältige Kombination aus «alten» Melodien und «neuer» Rhythmik einen einzigartigen Kompositionsstil begründete, den man dem «historistischen Modernismus» zuordnen könnte: aktuelle Parameter werden mit scheinbar antiquierten Elementen verbunden, die durch ihre verfremdete Integration einen völlig neuen Status erreichten. Diese Methodik, die im frühen 20. Jahrhundert immer größere Verbreitung finden sollte und sich als innovative Schaffensform zunehmend etablierte, fand bei Orffs «Carmina Burana» ihr wohl bekanntestes Beispiel, das schlüssig belegt, dass künstlerischer Modernismus und geschichtliches Bewusstsein keine exklusiven Faktoren darstellen.

Hinweis der Redaktion: Die veröffentlichten Beiträge der Jungen Blogger geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion des Konzerthaus/magazin wieder.

 

28.06.2013 um 08:37 | Publiziert in: Allgemein, Klassik, Junge Blogger | 0 Kommentar(e)

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