Montag MO 1 Jänner 0001
Montag MO 1 Jänner 0001
Montag MO 1 Jänner 0001
Montag MO 1 Jänner 0001
Montag MO 1 Jänner 0001
2
Sonntag SO 2 Jänner 2022
Über uns – News

Othmar Schoecks «Notturno»: Am Grenz- und Kratzbereich der Romantik

von Wiener Konzerthaus

Othmar Schoeck
Othmar Schoeck

  
Montag, 7. April 2014, 19:30

Mozart Saal

Meta4 Quartet / C. Maltman et al.

Programm:

Samuel Barber, Dover Beach op. 3 (1931)
Benjamin Britten, Three Divertimenti (1936)
Ralph Vaughan Williams, Five mystical songs (1911)
***
Othmar Schoeck, Notturno

Der Schweizer Komponist Othmar Schoeck gilt denen den er überhaupt bekannt ist, als Konservativer. Der Lieblingskomponist von James Joyce war zu Lebzeiten – und besonders nach 1945 – unannehmbar romantisch für alle Avantgardisten und zu modern für konservative Ohren und somit zwischen den Stühlen der Stile und recht schnell vergessen oder übersehen. Und das trotz tatkräftiger Unterstützung eines seiner größten Bewunderers: Dietrich-Fischer Dieskau, der die meisten von Schoecks Liedzyklen aufführte und aufnahm.

An der Qualität seiner Musik kann es nicht liegen. Bei seinen gut 400 Liedern sind viele Leckerbissen dabei. Sein Geigenkonzert ist, neben Ermanno Wolf-Ferraris, eines der großen ungespielten des 20. Jahrhunderts. Es war von Liebe zur Geigerin Stefi Geyer inspiriert, die auch Bartók auf ähnliche Weise zu seinem zweiten Violinkonzert animierte. Immerhin spielte Geyer das Schoecksche Werk; Bartóks hielt sie ungespielt unter Verschluss. Zum Zuge bei ihr sind beide nicht gekommen, obwohl sich Schoeck immerhin eines eroberten Kusses rühmte. (Zum Ende ihres Lebens nahm Stefi Geyer das Werk sogar auf; 1947 mit Volkmar Andreae und dem Tonhalle Orchester mit einem blutjungen Grünschnabel von Produzent, einem Herren namens Walter Legge.)

Sein Cellokonzert, immerhin von Pierre Fournier aus der Taufe gehoben, ist ein bisschen einfacher gestrickt, aber nicht minder erquicklich. Seine wichtigste Oper (von Achten), «Penthesilea» (1927), hingegen ist im Idiom näher an Richard Strauss‘ «Elektra» als am «Rosenkavalier»: die Tonsprache wird scharf, mit Kanten und Ecken, aggressiv und oftmals dissonant. Sie zeigt eine ganz andere Seite von Schoecks romantischem Stil. Aber was bedeutet das eigentlich, «Romantisch»?

Von Beethovens «Eroica» Symphonie via Schumann, Brahms, Wagner, Richard Strauss bis hin zum Arnold Schönberg des frühen D-Dur Streichquartetts, der «Verklärten Nacht» und der «Gurre-Lieder»: für alle diese Komponisten und Werke trifft der Sammelbegriff «Romantik» in der Musik zu. «Romantisch» ist bei einer Orgelsymphonie von Charles Widor genauso wenig falsch wie bei «Études» von Chopin, einer Tschaikowsky Oper oder den Klavierkonzerten von Rachmaninoff. Vom Anfang des 19. bis tief ins 20. Jahrhundert hinein umfasst der Begriff «Romantik» eine solche Menge und Verschiedenheit an Musik, dass er fast zur Nutzlosigkeit verkommt.

available at Amazon O.Schoeck,Notturno et al.
S.Genz / Leipzig SQ4t
m|DG

DE | US | UK | FR

available at Amazon O.Schoeck,Notturno et al.
C.Gerhaher / Rosamunde Quartet
ECM

DE | US | UK | FR

available at Amazon O.Schoeck, O.Schoeck / R.Zechlin, Notturno / Hamlet Fragments,
K.Mertens / Minguet Quartet
NCA

DE | US | UK | FR

Die Nutzlosigkeit des Begriffes kommt voll zum Tragen, wenn man Schoecks «Notturno» als romantische Komposition beschreibt. Kann man bei dem Zyklus für Kammerorchester und Bariton «Elegie» das Etikett «Romantisch» noch nachvollziehen, bei dem 1933 geschriebenen Zyklus für Streichquartett und Bariton «Notturno» ist er schon irreführend. Und doch auch korrekt und vielleicht sogar notwendig um das Werk zu verstehen.

«Notturno» ist der Inbegriff extremer Spätromantik, einer Musiksprache, die das chromatische Gummiband der Tonalität bis zum äußersten dehnt und überdehnt. Wer Musik im Stile der «Vier letzten Lieder» (Strauss) erwartet, dem mag «Notturno» Schwierigkeiten bereiten. Wer aber zum Beispiel an «Fünf Stücke für Orchester» (Webern) denkt, oder Alban Bergs Klaviersonate Opus 1, der wird in dem fragilen, manchmal sehr kargen Werk von Schoeck – seinem bei weitem anspruchsvollsten und am nächsten der Atonalität kommendem – die langen, eben doch «romantischen» Linien hören oder empfinden können.

Mark Twain, vom Lernen der Deutschen Sprache gepeinigt, meinte in seinem wunderbaren Essay «The Awful German Language» dass man den Sinn eines deutschen Satzes nicht verstehen würde, bis der Schreiber, der sich in seinen Satz schmeiße, auf der anderen Seite des Atlantiks mit einem Verb zwischen den Zähnen wieder auftauche. Das trifft auch in gewisser Weise auf «Notturno» zu: man wartet lange (und nicht immer erfolgreich) auf chromatische Erlösung, wenn die langen Klangfäden zu den acht Gedichten von Nikolaus Lenau und einem Gottfried Keller Fragment durch den Raum schweben und zueinanderfinden. Nur höchste Präzision auf Seiten des Streichquartetts, das sich von Phrase zu Phrase mehr fühlen denn zählen muss, kann diese Musik verständlich machen.

Christian Gerhaher, einer der Sänger die dem «Notturno» in den letzten Jahren zu einer bescheidenen Mini-Renaissance verholfen haben, findet es einen absoluten, in der Musik unvergleichlichen Solitär. «Schoeck ist unglaublich schöne Musik, aber es ist eine schwierige Mischung. Insgesamt ist [‚Notturno‘ natürlich spätromantisch, melodiös ist es und atonal. Und das zusammenzuhören, das dauert ein bisschen. Ich glaube nicht, dass man das Werk erfassen kann, wenn man es das erste Mal hört. Es hat eine ganz große Tiefe und das tolle daran ist die Ausbreitung dieser Sätze über so lange Zeit. Es gibt auch einiges leichtes, helles von Schoeck, gut verdauliche Lieder, aber dann auch wieder tiefergehende… allerdings nicht so viele. Aber keines so gewaltig kratzend wie das ‚Notturno‘. Was ich beim ‚Notturno‘ so reizvoll finde und was es so ganz besonders macht, ist dieser zyklische Charakter und die Einbeziehung vom Streichquartett. Das ist etwas, was man so nicht mehr wiederfindet.» ¶ jfl

04.04.2014 um 18:40 | Publiziert in: Allgemein, Interview, Klassik | 0 Kommentar(e)

Kommentare

Nettiquette | AGB

Blogarchiv

TICKET- & SERVICE-CENTER

Wiener Konzerthaus
Lothringerstraße 20
A-1030 Wien

Telefon: +43 1 242002
Telefax: +43 1 24200-110
ticket@konzerthaus.at

Öffnungs- und Telefonzeiten
September bis Juni

Montag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr
Samstag 10.00 bis 14.00 Uhr

Juli und August

Montag bis Freitag 10.00 bis 14.00 Uhr
Geschlossen
September bis Juni: Sonn- und Feiertage | 24. Dezember | Karfreitag
Juli und August: Samstage, Sonn- und Feiertage
Bitte kaufen Sie Ihre Karten an diesen Tagen online.

Abendkasse

ab 1 Stunde vor Veranstaltungsbeginn
An den Abendkassen können nur Kartenkäufe und -abholungen für die Veranstaltungen des jeweiligen Tages bzw. Abends vorgenommen werden.

Das Wiener Konzerthaus dankt all seinen Sponsoren und Kooperationspartnern