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Sonntag SO 6 September 2020
Über uns – News

Und Ewig Jodelt der Bergdoktor

von Wiener Konzerthaus

Othmar Schoeck

available at Amazon Suicidal Yodels
Erika Stucky
Traumton

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Erika Stucky und Markus Hering im Konzerthaus

jfl: Da wird gejodelt, in dem Video [siehe untenan]!

Julia Hahn: Da wird gejodelt, ja! Erika Stucky kann super jodeln! Sie wurde zwar in San Francisco geboren, ist aber als 9jährige mit ihren Schweizer Eltern ins Oberwallis übergesiedelt. Heute verbindet sie amerikanische Traditionen mit denen der Schweiz. Auf ihrer CD „Suicidal Yodels“ hat sie eine Mischung aus Rock, Blues und Jodeln entwickelt. Und das ist herrlich und erstaunlich, wie gut das funktioniert.

Wobei, es gibt ja auch eine ansehnliche Tradition des amerikanischen
Yodeling, wenn auch eher in den Appalachen, Virginia und im tiefen Süden… weniger in San Francisco. Auf jeden Fall hast Du dann gedacht: das kann man gut mit dem «Bergdoktor» in Verbindung bringen?


Eigentlich war es so: Markus Hering hat vor einigen Jahren in unserer Reihe „Musik und Dichtung“ gelesen. Das Thema der Reihe war damals „Liebe“, gelesen wurden Liebesgeschichten von Thomas Mann bis Friedrich Schiller, also Garanten der Hochkultur. Markus hat damals darüber gewitzelt, man müsse einmal eine Trash-Liebesgeschichte vor Publikum lesen, einen echten Dreigroschenroman. Die Idee fand ich super. Markus hatte in einem Antiquariat einen Stoß alter Bastei-Lübbe-Heftchen, allesamt aus der Reihe „Der Bergdoktor“, aufgestöbert und fand, dass sich die Texte für eine Lesung eignen würden. Bei „Bergdoktor“ ist mir daraufhin Erika Stuckys „Suicidal Yodels“-CD eingefallen und als wir Erika Stucky von unserer Idee erzählten, war sie sofort begeistert. Gesagt, getan – aus dieser Idee ist jetzt ein grandioser Abend geworden.


Erika ist auf Bauernhöfe gefahren und hat dort gefilmt – Socken auf der Wäscheleine, ein Kätzchen auf dem Ofen, Steingutporzellan, Kuhglocken, Bauernhofklischees halt – und die Filme aufwendig zusammengestellt und geschnitten. Der Film, der daraus entstanden ist, läuft als Kommentar zum Gelesenen während der Veranstaltung mit. Außerdem erstellt Erika, während Markus liest, einen Soundtrack zum Buch: sie zertritt Coladosen, wenn es Streit zwischen den Protagonisten gibt, wirft Blecheimer um, wenn ein Gewitter bedrohlich aufsteigt, seufzt bei Liebesszenen ins Mikro. 

Derweil hat Markus geniale Striche im Text gesetzt. Gar nicht so einfach, denn an sich sind diese Text ja völlig idio… also, zumindest keine hohe Literatur. Aber die Mischung aus Ironie, Distanz und Ernstnehmen der Figuren, mit der Markus den Text liest, lässt eine irrsinnige Komik entstehen. Er putzt damit die Klischees in Inhalt und Sprache blank und legt sie uns vor die Füße. Man kann dann nicht mehr anders, als den teilweise ja überdimensional kitschigen Text brüllend komisch zu finden. Markus entwickelt dabei eine ganz eigene Ästhetik des Trash.

Es sind ja schon die Ausschnitte grandios Komisch… Mir ist es in dem Konzert so vorgekommen, dass man sich erst denkt: „Ha ha, wie schlecht ist dieser Text“ – aber dann hängt man auf einmal voll in der Geschichte.

Genau. Man will unbedingt wissen, wie es mit
Sanna weitergeht, nachdem sie am Fuße des Hexensteins zusammengebrochen ist; ob der Bergdoktor ihr helfen kann. Man fragt sich, wie sich die traurige Geschichte von Kilian auflöst, der so bitterlich von den Frauen enttäuscht wurde. Und ob die Liebe zu Sanna ihn aus der Isolation erlösen wird können. Überhaupt fühlt man sofort mit diesen rauhen Charakteren, die ihre Liebe irgendwie nicht eingestehen können aber dann doch entdecken, dass wir fähig sind zu diesen Gefühlen. Das ist totaler Kitsch und doch irgendwie einfach total stark.

Bergdoktor im Mozart-Saal des Konzerthaus lesen zu lassen, ist ein
bißchen, wie wenn ein Neue Züricher Zeitung Leser der in der U-Bahn eine BILD findet und erst klammheimlich, irgendwann mit Gusto alle reißerischen Artikel durchliest…

Genau so. Das lustige ist auch, dass die Zuschauer nicht genau wissen was da passiert und auf sie zukommt. Die Ankündigung hat ja nicht sehr viel verraten. Das Publikum von «Literatur im Konzerthaus» ist ja tatsächlich Literatur im buchstäblichen Sinne gewöhnt: Joseph Roths «Radetzkymarsch», Alexander Puschkins «Eugen Onegin», «Heroides» von Ovid, die Oscar Wilde «Salome» – alles literarische Schwerkaliber. Und dann setzt man ihm den «Bergdoktor» vor... und es hat extrem gut funktioniert. Ich freue mich wirklich und immer wieder darüber, wie offen das «Literatur im Konzerthaus» Abo-Publikum ist. Es ist auf die Geschichte und die Interpreten auch ganz schnell eingestiegen. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute sich schon lange nicht mehr so amüsiert haben. Dabei war es ja eine relativ lange Veranstaltung und du hattest trotzdem das Gefühl, es könnte ewig weitergehen. Kann es ja sogar! Es gibt ja so viele Heftchen davon: Eigentlich müssten Erika und Markus eine ganze Reihe machen. » ¶ juh

30.04.2014 um 15:50 | Publiziert in: Allgemein, Video, World | 0 Kommentar(e)

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