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Marino Formenti: Berührendes Spiel in extravaganten Konzertprojekten

von Wiener Konzerthaus

Wegen großen Erfolgs verlängert: die letztjährige Neuerung bei den «Nouvelles Aventures» im Wiener Konzerthaus.
Auch in der 100. Saison wird Sie Marino Formenti bei diesem profunden Überblick über das aktuelle Musikschaffen mit seinen «Vorworten» begleiten. An vier Abenden führt der so feinsinnige wie kenntnisreiche Pianist vom Klavier aus in die Themen und Fragestellungen der folgenden Konzerte ein:


Jörg Widmann gestaltet mit dem Minguet Quartett einen Abend zu Ehren Wolfgang Rihms und einen Abend mit Stücken für Klarinette solo, die um erst kürzlich edierte Musik von Mauricio Kagel gruppiert sind.

Neue Akzente setzt das von Esa-Pekka Salonen gegründete finnische Ensemble Avanti! 

Besonders hingewiesen sei auf einen Abend mit dem Ensemble die reihe, das unter Friedrich Cerha die Geschichte der Pionierarbeit dieser legendären Formation Revue passieren lässt.


Außerdem in den «Nouvelles Aventures»: Das ensemble recherche spielt u. a. «Liebeslieder», die ihm von befreundeten Komponisten und Komponistinnen aus Anlass seines 25-jährigen Bestandsjubiläums auf den Leib geschrieben worden sind, das Ensemble intercontemporain konfrontiert Klassiker des 20. Jahrhunderts mit Uraufführungen.

Wir freuen uns, Ihnen hier ein ausführliches Interview, das Monika Hildebrand mit dem Pianisten geführt hat, präsentieren zu dürfen. Unser Dank gilt dem Magazin PIANONews, dem das Gespräch über vergangene und zukünftige Projekte Formentis entnommen ist.
 

Marino Formenti: Berührendes Spiel in extravaganten Konzertprojekten

 

Von Monika Hildebrand / Aus PIANONews 2 / 2012 www.pianonews.de

 

Nicht nur seine neuen Ideen, Konzerte zu gestalten, sind erfrischend und kunstvoll, auch sein Spiel wirkt außerordentlich betörend und erfüllend zugleich. Marino Formentis Konzertprojekte sind Kompositionen aus Musik aller Epochen, oft in neuem Rahmen. Schubladendenken «Alte Musik - Neue Musik» gibt es für ihn nicht. In seiner Wahlheimat Wien sprachen wir mit dem charismatischen italienischen Pianisten über seine Projekte und seine Philosophie und versanken dabei in spannende Themen.
  

Zur Person Marino Formenti ...

... wurde in Mailand geboren.
... studierte: traditionell in Italien, später u. ä. auch bei Oleg Maisenberg in Wien, dann auch Komposition und Dirigieren.
…wurde geprägt: durch viele Jahre im Wiener Klangforum (Ensemble für Neue Musik).
... konzertierte mit: New York Philharmonics, Münchner Philharmonikern, Los Angeles Philharmonic und Gustav Mohler Chamber Orchestra, Franz Welser-Möst, Kent Nagano, Esa Pekka Solonen, Gustavo Dudamel, Gidon Kremer, Ulrich Matthes, Lars Vogl, Maurizio Pollini.
... war in Festivals mit dabei: Luzern Festival, Lincoln Center ,,Great Performers"-Series, Salzburger Festspiele, Edinburgh, Schleswig-Holstein Festival.
... und Komponisten mit und für ihn: Helmut Lachenmann, György Kurtag, Salvatore Sciorrino, Olga Neuwirth, Beat Furrer, Assistent von Kent Nagano und Sylvain Cambreling, Friedrich Cerha ...
... ist besonders: Verbindet Klassik und Neue Musik weltweit in innovativen Proiekten und neuen Konzertformen.
... zu, Interpretation: außergewöhnlich. berührend. durchlässig. natürlich.gelassen. sensibel. voller Kraft. energetisierend. Magisch ... unvergleichlich.

 

  
PIANONews: Sie haben lhren eigenen Weg gefunden, klassische und zeitgenössische Musik zu verbinden. Die Trennung in alt und neu ist im Konzertleben ja nach wie vor üblich, aber nicht unbedingt erstrebenswert. Wie geht es lhnen prinzipiell mit diesem Thema? 
 

Marino Formenti: Ich finde die Ghettoisierung der Musik sehr schlecht - nicht nur im Hinblick auf moderne Musik. Das Publikum neiqt nicht nur in der Musik, sondern auch in der Gesellschaft immer mehr dazu, sich zu spezialisieren. Je globalisierter die Welt wird, desto kleiner wird unsere eigene Welt. Es gibt Leute, die nur noch in Saxophonkonzerte gehen - so sehr ich Saxophonmusik liebe. Aber das kann es ja nicht sein, das ist schade.

Die Überspezialisierung ist auch ein Problem, weil sich das Wissen so vertieft hat, dass man sich mit den Sachen wirklich auseinandersetzen muss. Jeder muss für sich entscheiden, was und mit welcher Perspektive er sich etwas annähert. Auch wenn ich viel moderne Musik spiele, habe ich mich genauso intensiv mit Haydn oder Liszt auseinandergesetzt, wenn ich ihn spiele. Vielleicht im Vergleich nicht so intensiv wie jemand, der sich ausschließlich mit Haydn beschäftigt, aber so muss sich eben jeder für seine eigene Mischung entscheiden.  

PIANONews: Haben Sie das Gefühl, dass das Publikum die zeitgenössische Musik immer versteht?  

Marino Formenti: Wenn ich Konzerte spiele mit einer Mischung aus Klassik und moderner Musik, habe ich flächendeckend das Gefühl, dass das Publikum das alles versteht und mitgeht und mitleidet und mit genießt. Allerdings denke ich, muss man schon auf jeden Fall nur Stücke spielen, hinter denen man hundertprozentig steht, und man muss sie auch so spielen, dass sie hundertprozentig rüberkommen. Wenn die Interpretation organisch ist, dann kommt sie auch beim Publikum an.

Wenn man ein modernes Stück ins Programm nimmt, nur weil man modern sein will oder ein Subventionsgeber darauf besteht, oder ein Image es verlangt, oder der Interpret oder das Orchester halbherzig spielt und der Dirigent einer Tschaikowsky-Sinfonie mehrere Monate Arbeit widmet, das moderne Stück ober gerade mal durchschlägt, dann ist es kein Wunder, dass das die Leute nicht lieben. Wie man programmiert, so spielt man auch.

Ich kann es mir leisten, nur Sachen zu machen, die ich möchte und hinter denen ich stehe. Ich habe auch gelernt, dass ich es anders gar nicht kann. Es wäre auch unprofessionell. Es ist wichtig, zu wissen, was man wirklich will im Leben. Die Frage bleibt zwar immer offen, man weiß es nicht immer bis zum Allerletzten.  

PIANONews: Sie spielen sehr viel moderne Musik. Wird man da nicht eher gleich als Interpret der Neuen Musik gesehen? 

Marino Formenti: Ich habe mich nie nur als Interpret des Neuen gesehen. Diese Identität fühle ich gar nicht. Ich habe Liszt-lnspections, Haydn, Diabelli etc. viel gespielt. Auch als Dirigent mache ich Dvorak, Beethoven etc. Kollegen wie der geschätzte Alfred Brendel hatten in ihrem Leben zwar einen verhältnismäßig kleinen Garten, aber da hat Brendel beispielsweise einen ganzen Kosmos darin gefunden und immer wieder für sich erneuert. Auch im Verhältnis zu seinen Interessen war der Garten eher klein, denn Brendel hört und liebt relativ viel Musik. Ich bin eher ein Mensch, der sich immer wieder vor neue Aufgaben setzen muss. Ob das gut oder schlecht ist, kann ich nicht beurteilen, aber es ist so und man muss auch zu seiner Persönlichkeit stehen. 

PIANONews : Wie sehen Sie die Entwicklunqen in der Programmierung in den letzten Jahrzehnten?

Marino Formenti: Heute steht die klassische Musik vor zwei Wegen, finde ich. Einerseits Erneuerung (Harnoncourt, Brendel ...) oder Verkitschung (Aufführungen mit Mozart-Perücken und dergleichen), metaphorisch gesagt. Auch gab es in den 70er Jahren einmal eine große Diskussion von Pianisten (unter anderem mit Ashkenazy, Arrau ...) an der Wiener Musikuniversität, wobei alle auf die Problematik hingewiesen haben, dass sich die Programme weiterentwickelt haben im Vergleich zur Generation davor bzw. sich stetig weiterentwickeln. Wenn ich mir aber Konzertprogramme so anschaue, ist nicht immer ein Fortschritt zu sehen. 

PIANONews: Wollen Sie das Publikum in irgendeiner Form bewegen? 

Marino Formenti: Wenn man eine Absicht für das Publikum hätte, quasi: «Jetzt beruhige oder berühre ich euch mal», sollte man sie gleich vergessen. Das wäre sonst schon zu viel. Das wäre der Tod. Je älter ich werde, desto unwichtiger wird mir das auch. Ein Teil von mir ist schon ein Kommunikationsmensch. Ich kann mich ausdrücken über Musik. Das ist aber auch eine Gefahr, dass man die Musik für billig verkauft oder über die Musik hinausschießt.

Nur für die Musik zu leben, ist auch eine Art Opferleben. Man verbringt ja schließlich auch die meiste Zeit alleine mit der Musik und dem Klavier und nicht mit dem Publikum. Früher habe ich noch für die Konzerte geübt, jetzt ist es eher umgekehrt. Ich mache Konzerte, dass ich üben kann. Zumindest übe ich fürs Üben. Ich würde gerne mal ein Projekt machen, wo das Üben Teil der Performance ist. Für mich wäre es auch gut, dann würde ich konzentrierter üben und keine Zeit verlieren [Iacht].

Ich schaue mir selbst zum Beispiel gerne Skizzen zur Entstehung eines Werkes an. Das könnte doch fürs Publikum auch interessant sein, die Entstehung einer Klavierinterpretation zu verfolgen. Auch im Hinblick auf Neue Musik könnte das unglaublich hilfreich sein. 

PIANONews: Werfen wir einen Blick auf lhre bisherigen Projekte, die ja sehr unterschiedlich sind und jedes für sich von der Gestaltung und der Idee etwas Besonderes ist. Ich habe Sie im Herbst 2011 beim Festival Wien Modern im Wiener Konzerthaus mit einem 4-teiIigen Konzertzyklus, den «Notturni», erlebt, die abends um 22 Uhr begonnen haben. Im Zentrum stand das Stück «Für Marino (gestörte Meditation)», das Friedrich Cerha für Sie komponiert hat und dem Sie jedes MaI ein anderes, in diesem FaII auch modernes Stück gegenübergestellt haben. Die späte Stunde schuf eine besondere Atmosphäre, auch die kurze Dauer, rund 40 Minuten, war um diese Zeit sehr angenehm. Die Auswahl der Stücke und lhre Interpretation allerdings verliehen dem Ganzen einen besonderen Zauber.

Friedrich Cerha selbst sieht sein Klavierstück «Für Marino» als eine Art Hommage an die Musik von Morton Feldman. «lch habe ihm 2010 dieses Stück komponiert, weil ich in Marino Formentis Liebe zur meditativen Seite dieser Musik die sensible und langsame Achtsamkeit im Umgang mit Tönen wieder gefunden habe, die mich 1959 - als ich zum ersten MaI mit David Tudor Morton Feldman gespielt habe – fasziniert hat», meint Cerha dazu. «Dass diese introvertierte, feinsinnige, nur auf sich bezogene Welt aber immer wieder durch hektisch-brutale Ereignisse gestört wird, entspricht meinem Bedürfnis, sie nicht zu verabsolutieren und nur Versunkenheit zu zelebrieren», so Cerha. Wie entsteht so ein Stück, das für einen persönlich komponiert wurde, und wie haben Sie das alles erlebt? 

Marino Formenti: Ich kenne Friedrich Cerha schon sehr lange. Als ich noch Pianist beim Klangforum Wien war, das er oft dirigiert hat, waren wir viel zusammen. Ich fiel damals schon auf, weil ich eigentlich ein recht trotziges, aufmüpfiges Ensemblemitglied war und wir oft gestritten haben. Wir hatten nicht immer dieselbe Vision, was ja im Prinzip in Ordnung ist. Allerdings stellt ein gutes Ensemblemitglied seine Vision der Vision des Dirigenten unter. So gesehen war ich ein schlechtes Ensemblemitglied [Iacht]. Das hat aber nichts mit meiner großen Wertschätzung ihm gegenüber zu tun. Ich habe dann auch einiges an Solo- und Kammermusikwerken von ihm gespielt und irgendwann einmal habe ich so nebenbei ganz bescheiden den Wunsch geäußert, dass es schön wäre, wenn er mir ein Stück schreiben würde. Auf diesen Wunsch kam aber keine Antwort. Er ist ein sehr schweigsamer Mensch. Viele Monate später schrieb mir seine Frau eine E-Mail, in der stand: «Lieber Marino, Friedrich hat dein Stück fertig. Es heißt ,Für Marino'.» Wow! Das hat mich sehr berührt. 

PIANONews: Sie haben das Stück mit Cerha zusammen erarbeitet. Nach der Uraufführung war ich ja bei dem Gespräch mit lhnen und Friedrich Cerha dabei. Er ist sehr genau, was die Interpretation seines Stückes angeht. 

Marino Formenti: Ja, er ist sehr genau. Er ist einerseits sehr abstrakt genau, aber auf der anderen Seite wieder Musiker genug, um den großen Bogen zu halten. Das Problem ist natürlich, dass es keine Aufführung gibt, die perfekt ist. Das heißt, wenn ich jetzt ein Stück spiele, geht es ihm ähnlich oder vielleicht noch schlimmer, weil er noch besser hört als ich [Iacht]. Aber er ist großzügig genug, um den großen Bogen den kleinen Details zu bevorzugen. Was ich an Cerha so mag, ist seine Beziehung zwischen moderner Abstraktion und großer Tradition. Das ist bei ihm sehr stark zu spüren. Einerseits gibt es sehr melodische und andererseits sehr abstrakte Musik bei ihm. Das macht die Beziehung so spannend. In dem Zyklus der vier «Notturni» stelle ich ja jedes Mal ein anderes Stück gegenüber. Beim dritten Konzert spiele ich «Slowakische Erinnerungen aus der Kindheit» von Cerha. In diesen Stücken hat er Volksmelodien verarbeitet, harmonisch und formell. Hier merkt man, wie abstrakt sein Denken ist, wenn er schöne melancholische Volksmelodien setzt, und wie schön melancholisch und musikantisch sein Gestus bei seinen abstrakten Stücken ist. 

PIANONews Sie werden jetzt ja wahrscheinlich nichts Negatives sagen, aber wie gefällt lhnen das Stück «Für Marino»?

Marino Formenti: Ich liebe das Stück. Ich darf nur nicht an den Titel denken. «Für Marino» - das ist mir peinlich. Ich glaube, wir kommen nicht auf die Bühne, um uns zu zeigen, sondern um zu verschwinden. Eigentlich kommen wir - seit Liszt, wo die Musiker immer mehr vergöttert wurden – in eine Zwickmühle, wo wir einerseits verschwinden wollen und uns gleichzeitig aber auch zeigen müssen und wollen. 

PIANONews: In der äußersten Konsequenz könnte das dann heißen, dass wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie dann lieber nicht mehr öffentlich auftreten, sondern nur noch im Aufnahmestudio verschwinden? 

Marino Formenti: Ja, das könnte ich mir überlegen. Ich finde es toll, eine Aufnahme zu machen. Weil man ja da dieselben Hintergründe findet wie Ruhe oder «lch weiß, worum ich da bin», genießen, eine Woche künstlerisch arbeiten, abtauchen. 

PIANONews: Brauchen Sie nicht den Kick der Aufregung beim Konzertieren? 

Marino Formenti: Nein. Es ist eher eine zusätzliche Hürde, die man der Musik gegenüber überwinden muss. Es dauert immer ein wenig, bis man Vertrauen und Ruhe hat und es eine Gemeinsamkeit mit dem Publikum gibt. Dann ist es schon wunderschön. Das mag ich schon auch. 

PIANONews: Die Beziehung zum Publikum ist ja für einen Künstler immer wieder ein sehr sensibles Thema. Sie haben letzten Herbst in Graz beim Festival steirischer herbst bei «Golgata Picnic», einem ganz großartigen Theaterstück des spanischen Schriftstellers Rodrigo Garcias, Haydns «Letzte sieben Worte unseres Erlösers am Kreuze» aufgeführt. Das Außergewöhnliche daran war, dass Sie nackt spielten, so wie auch alle Schauspieler am Ende des Stückes nackt waren. Es hat ja etwas Sensationelles und Provokantes an sich, wenn man von so einer Aufführung hört. Ich habe es mir extra angesehen, um zu spüren, welche Message dabei rüberkommt, und kann nur bemerken, dass es so organisch zum Stück gepasst hat, dass es in diesem Moment eigentlich überhaupt kein Thema war und nichts Anstößiges hatte. Inhaltlich war es eine logische Folge. Wie war es für Sie? 

Marino Formenti: Nun, ich möchte gleich vorwegschicken, dass das nicht von vorneherein geplant war und auch nicht meine Idee war, es sich aber im Laufe des Erarbeitens des Theaterstücks ganz von selbst als selbstverständlich ergeben hat und dann habe ich es auch gemacht - ich hätte aber nicht müssen. Es hat sich nicht aus der Musik, sondern aus der Inszenierung des Theaterstückes ergeben. Das ist natürlich ein ganz wichtiger Unterschied.

Sobald ich angefangen habe zu spielen, habe ich es sofort vergessen, dass ich nackt bin. Erst nach dem letzten Akkord fiel es mir wieder ein. Das war jedes Mal so, obwohl ich es inzwischen 45 Mal gespielt habe. Wir haben es in Spanien schon sehr oft aufgeführt. Aber es ist natürlich die ultimative Entblößung, was einem irgendwo Mut gibt. Zum einen ist man fragiler, aber dadurch gleichzeitig auch wieder stärker. Man ist noch ein Stück weniger man selbst. So wie ich vorher gesagt habe, dass ich gerne verschwinde und nicht ich selbst sein möchte, so ist man beim Nacktspielen noch ein Stück weniger man selbst. Deswegen sage ich auch, dass ich nicht Marino bin. Das, was dann über uns hinausgeht, ist die Musik. 

PIANONews: Man zeigt sich über die Musik sowieso schon entblößt. Eigentlich ist das Nacktspielen nur noch eine optische Verstärkung. 

Marino Formenti: Ganz genau. Es ist nur ein kleiner Schritt mehr. Nackt sind wir allemal. 

PIANONews: Sie haben geplant, dass Stück von Haydn demnächst aufzunehmen, auch weil Sie einen besonderen Bezug zu dem Stück haben. Ist das richtig? 

Marino Formenti: Richtig, und zwar in Kombinotion mit einem Stück von Bernhard Lang, das er als Gegenstück dazu für mich komponiert hat. AIso gibt es hier wieder einen Dialog zwischen alter und neuer Musik. Als Haydn «Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz» in der Streichquartett- und Klavierfassung damals seinem Verleger gegeben hat, gab er es ihm mit der Bemerkung, dass es ihm sehr am Herzen liegt. Er hat die Suche nach Einsamkeit sehr geliebt. Gerade das Musikmachen hat sehr viel mit Einsamkeit zu tun. Einsamkeit im guten Sinne. Zu sich kommen. Das ist nichts, was heutzutage leicht ist. Das Gemeinsamsein führt eher zu Zerstreuung. Oft. 

PIANONews: Es bleibt die Frage, wo das höhere Glück liegt. (Die Frage bleibt freilich offen.) Doch zurück: Auf der Bühne ist der in Einsamkeit versunkene Pianist, dort das Publikum. 

Marino Formenti: Die Kommunikation, die in der Konzertform, wie sie jetzt ist, stattfindet, ist sehr wichtig. Was mir oft nicht gefällt, ist diese Zurschaustellung. Das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern weil ich es als unangenehm empfinde, wenn das jemand macht. Deswegen suche ich immer wieder spezielle Formate oder Programme. Ich versuche auch den Applaus zwischen den Stücken zu vermeiden. Das stört. 

PIANONews: Es stört das Zu-sich-Kommen und das Bei-sich-Bleiben. Für aIIe. 

Marino Formenti: Richtig. Auch habe ich das Gefühl, dass immer mehr mit dem Körper musiziert wird. Es sollte eine gute Balance zwischen aktivem und passivem Spielen sein, quasi ein Einklang. Heutzutage wird zu viel aktiv gemacht.

PIANONews: Die Durchlässiqkeit zu bewahren ...

Marino Formenti: ... ist das Schwierigste. Auch die Verbindung zu sich selbst zu haben ist sehr wichtig. Man muss allerdings auch sagen, dass der Musikbetrieb nicht immer sehr förderlich ist. Man muss einfach funktionieren und eine gewisse Leistung bringen ... 

PIANONews: ... was manchmal zu viel im Vordergrund steht.

Marino Formenti: Genau, und auch weil man manchmal zu viel spielen muss, von Stadt zu Stadt eilen muss und seinen Ruf verteidigen muss, anstatt für die Sache an sich zu spielen. Ich sehe auch, dass auch fantastische Kollegen im Laufe ihres Lebens zunehmend verhärten.

PIANONews: Werfen wir noch einen Blick auf ein anderes Projekt, das Sie zum Liszt-Jahr gemacht haben und immer wieder aufführen, demnächst in Los Angeles: die «Liszt-lnspections».

Marino Formenti: «Liszt-lnspections» ist eine Reflexion über Franz Liszt und seine Projektion in die Moderne. Es gibt einen Dialog zu Stücken von Morton Feldman, Brian Ferneyhough, John Adams, Karlheinz Stockhousen u. a. Ich habe sehr viel recherchiert für dieses Projekt und Dinge gefunden, die zumindest ich nicht kannte oder die man vielleicht nicht so gesehen hat, weil man vielleicht schon andere «moderne" Stücke kennen gelernt hat. Manche Stücke sind wirklich prophetisch. Sie sind schwer verständlich, weshalb man sie auch nie gespielt hat. «Les Cypresses» aus «Années de Pèlerinage» zum Beispiel. Es gibt ja die zwei Seiten des Franz Liszt: Der eine ist der Superstar, der mit der Mähne, der die bombastischen Showstücke geschrieben hat, und der andere ist der späte Liszt, der Mönch, den die zeitgenössischen Komponisten so lieben. Die eigentliche Persönlichkeit hinter diesen zwei Masken zu entdecken, ist mir ein Anliegen, dass auch der Zuhörer diese wahrnehmen kann. Liszt hat ja für seine Zeit auch sehr experimentelle Klavierstücke geschrieben. Er war ein sehr eklektischer Typ und das war vielleicht auch der Grund, wo er an die möglichen Grenzen seines Komponistendaseins gestoßen ist, dadurch dass er eben ein bisschen von dem und ein bisschen von dem genommen hat, ist die Komposition nicht immer ganz ausgereift. Es sind auch Brüche in seinen Kompositionen. Aber das ist auch wiederum seine Modernität.

Das erinnert auch an Bilder, wenn man zum Beispiel an Cezanne denkt, wo die Bilder auf einmal eine Stelle haben, wo man die Leinwand sieht, wo auch hier Brüche sind, die auf die Schwierigkeit des Komponierens hinweisen. Liszt hat auch sonst einige Stücke ja schon sehr modern komponiert, zum Beispiel, dass er ohne eine bestimmte Tonart komponiert, zwar nicht atonal, sondern er schreibt am Anfang des Stückes quasi die Spielregel, um die er dann das ganze Stück baut. Dies gilt dann eben nur für dieses Stück. Das ist eine Technik, die ja auch sehr viele zeitgenössischen Komponisten verwenden. 

PIANONews: Der Sprung zu modernen Kompositionen scheint hier ja nicht mehr so groß. Schön, dass das Projekt demnächst auf CD zu haben ist. Sie haben noch ein anderes Projekt, wo Sie es umgekehrt machen, das heißt zeitgenössische Musik mit Alter Musik verbinden. 

Marino Formenti: Das ist das «Song Project», das ich im New Yorker Club «Poisson rouge» uraufgeführt habe. Bei diesem Projekt stelle ich zeitgenössische Musik dem Rock, Pop oder Jazz aus derselben Zeit in meiner oder anderer Bearbeitung oder in Transkriptionen  gegenüber. Zum Beispiel Conlon Nancarrow, Thelonious Monk, Kurt Weill, Harrison Birtwistle, Billie Holiday, Erik Satie, Nirvana und andere Komponisten. Da habe ich auch versucht, Verwandtschaften zu finden. Stücke, die in derselben Zeit entstanden sind wie zum Beispiel von Thelonius Monk und Conlon Nancarrow oder John Cage und Beatles, haben einiges gemeinsam. Es ist aus der Zeit der Suche nach dem Klavierklang und die Beziehung zurzeit. 

PIANONews: Ein weiteres lhrer außergewöhnlichen Projekte ist das «Nowhere», wo Sie eine Woche lang in einem Museum oder einer Galerie Klavier spielen und auch dort leben, das heißt essen und schlafen. Sie spielten dort nonstop. Was haben Sie dort gespielt?

Marino Formenti: Es war eine Auswahl an Stücken, die besonders gut geeignet waren, um zu verschwinden. Ich habe das ganze Werk von Morton Feldman gespielt, auch Stücke von Satie und von dem ganz tollen jungen Komponisten Klaus Lang. Ein anderes Mal habe ich auch noch Préludes von Louis Couperin und Stücke von |ohn Cage gespielt. Ich verändere das Programm immer wieder, wenn ich es woanders aufführe. 

PIANONews: Wie ergeht es Ihnen dabei, eine Woche lang in Musik zu verschwinden? 

Marino Formenti: Es ist etwas ganz anderes, so lange zu spielen, auch für das Publikum, das ja normalerweise aus dem Büro hetzt, schnell noch einen Happen im Restaurant zu sich nimmt, bevor das Konzert beginnt, um dann zwischen halb acht und neun Uhr die Erleuchtung zu erleben. Ich selbst komme normalerweise aus dem Konzert und bin umringt von Intendanten, Journalisten, Freunden etc. Verstehen Sie, auch bei mir ist das Ganze sehr eingezwängt. Bei «Nowhere» war ich eine Woche abgetaucht. Die Musik nahm so viel Raum ein ... Irgendwann war ich in einer Art Rauschzustand. Man bleibt aber immer bewusst, man fällt nicht in Trance, nur in eine Art Rausch. Das Schlimmste war das Ende. Aus dieser Situation wieder auszusteigen, war sehr schmerzlich. Ich konnte erst mal mit niemandem sprechen. Auch körperlich ist es sehr anstrengend, besonders wenn man vorher und nachher noch andere Konzerte hat. 

PIANONews: Ein ganz anderes Projekt ist die «Party», bei dem Sie auch dem Publikum die Möglichkeit geben, dem Konzert eine bessere Atmosphöre zu verschaffen. 

Marino Formenti: Ja, die Idee der «Party» ist der Versuch, die musikalische Konzentration zu erhöhen. Das Ganze ist am Wochenende von 17 Uhr am Abend, dauert fünf bis sechs Stunden und hat einen geselligen Teil, wo man isst oder Zeit hat, sich zu unterhalten, schon vorher durch ein GIas Wein ganz entspannt der Musik zuhören kann. Es kann kombiniert werden mit anderen Künsten, Kulinarik etc. Man muss sich die Dramaturgie für diese Veranstaltung gut überlegen. Das macht aber Spaß und ist wie eine schöne Spielkiste. Das ist ein tolles Projekt. Ich habe es in Palermo und Los Angeles schon aufgeführt und im Frühiahr wird es wieder in Chicago stattfinden. Diese Projekte sprechen einfach auch ein breiteres Publikum an. Man muss Musik wieder auf die Straße bringen! 

PIANONews: Ein letztes, ganz aktuelles Projekt lhrer vielen Ideen soll noch erwähnt werden, das gerade in Arbeit ist. Es entstammt lhrer Liebe zu einem Komponisten der Klassik: Franz Schubert. 

Marino Formenti: Es ist das Filmprojekt «Schubert und ich», das ich gemeinsam mit dem Schweizer Filmregisseur Bruno Moll realisiere. Die Idee ist, Schubert wieder zu seinen Wurzeln zu führen, indem wir mit einfachen, aber ausgesuchten Menschen jeglichen Alters von der Straße, die keine Musiker sind, arbeiten. Auch Schubert hatte ja bei seinen Uraufführungen oft keine professionellen Sänger.

Wir machen dafür ein Casting und schauen zum Beispiel darauf, dass die Menschen sich auch durch Singen ausdrücken können und diese Abgründe fühlen können - nicht «everybody can sing». Ich finde es ganz wichtig, dass wir die Kunst wieder ins Leben zurückholen.

Beethoven hat einmal gesagt: «Musik verändert die Welt.» Ich weiß nicht, aber vielleicht kann man mit diesem Projekt ein wenig in jedem Einzelnen etwas bewegen. 

PIANONews: Einen kurzen Seitenblick werfen wir noch auf Ihre zweite Leidenschaft, das Dirigieren, das immer mehr Platz in lhrem Musikerwirken einnimmt. Was ist für Sie das Wichtigste an dieser Ergänzung? 

Marino Formenti: Klavierspielen und Dirigieren, das sind zwei Jobs, die vor allem auch in Bezug auf Kommunikation und Einsamkeit anders orientiert sind. So gesehen ergänzen Sie sich ober auch perfekt. Als Pianist kann man natürlich in Einsamkeit verarmen. Das tut auch der Musik nicht gut. 

PIANONews: Haben Sie beim Dirigieren dieselbe PhiIosophie in Bezug auf Projekte, Inhalte etc. wie beim Klavierspielen? 

Marino Formenti: Gewissermaßen. Auch hier experimentiere ich mit Programmierung. Ein interessantes Projekt habe ich in Berlin gemacht mit einem Jugendorchester. Es handelte sich um ein Südafrika-Projekt, wo es im Programm um Integration ging. Es wurde ein Stück von einem durch die Apartheid unterdrückten Künstler, der schon gestorben ist, namens Gideon Nxumalo aufgeführt. Demgegenüber habe ich die «Symphonie aus der neuen Welt» von Dvorak gestellt, wo es auch um die Integration verschiedenster Idiome geht, wie die Verschmelzung indianischer, böhmischer, schwarzer etc. Melodien. 

PIANONews: Herr Formenti, die ldeen scheinen Ihnen nicht auszugehen. Es klingt toll, Sie haben viel Erfolg mit lhren Projekten. Gibt es Wünsche lhrerseits? 

Marino Formenti: Ich wünsche mir eine Musikwelt, wo auch Intendanten mehr Mut haben. Ein Intendant sollte eine Führungskraft sein, der vor allem auch seine Ideen durchsetzt, ohne irgendwelche politischen Dinge oder Sponsorenvorgaben zuerst zu berücksichtigen.

PIANONews: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

www.marinoformenti.com

24.07.2012 um 16:21 | Publiziert in: Allgemein, Interview, Modern, Klassik | 0 Kommentar(e)

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